»Die Kadetten des Alcázar« – das Vorwort

Ein kleines Geschenk an unsere treuen Leser und Kunden: das Vorwort unseres neuen, bald erscheinenden Buches Die Kadetten des Alcázar aus der Feder von Verlagsleiter Philip Stein. Das Buch kann hier vorbestellt werden: zum Online-Shop.

Vorwort: Der Alcázar als europäischer Mythos?

Robert Brasillach zu verlegen, geht in diesen Tagen weit über ein einfaches literarisch-politisches Wagnis hinaus.

Obgleich sich die politische Landschaft in Deutschland und Europa in den letzten Jahren vermehrt mit politischen Tabubrüchen konfrontiert sah, diese bisweilen sogar in den gesellschaftlichen Diskurs integrieren mußte, stellt die neutrale, in gewissen Punkten womöglich sympathisierende Auseinandersetzung mit den falschen Autoren der europäischen Bruderkriege noch immer einen politischen Point of no return dar.

In den letzten Jahren ist gleichwohl eine interessante, freilich noch seltene Entwicklung zu beobachten: Verschiedene aus dem Establishment stammende Publikumsverlage haben sich mit behutsamen Schritten an vermeintlich kontaminierte Autoren gewagt – und damit (erneut) eine elementare literarische Schatzbergung in Gang gebracht. Die 2016 publizierte Erstübersetzung von Pierre Drieu la Rochelles Weltkriegserzählungen, Die Komödie von Charleroi, durch den renommierten belletristischen Manesse Verlag (zur Verlagsgruppe Random House gehörend) fällt etwa in diese Kategorie. Die deutsche Publizistik der Nachkriegszeit hatte diese Entwicklung bereits vorweggenommen: Literarisch bedeutsame Werke von »umstrittenen« Akteuren wie Drieu la Rochelle, Louis-Ferdinand Céline, Lucien Rebatet und nicht zuletzt Robert Brasillach wurden von großen Publikumsverlagen wie Propyläen, Langen-Müller oder Rowohlt in aufwendig gestalteten, umfassenden Übersetzungen auf den deutschen Markt gebracht. Bis in die 1970er Jahre wurde herausragende literarische Wertigkeit höher geschätzt als falsches politisches Engagement während einer unübersichtlichen Epoche im »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm). Dann folgte die Verbannung.

Nun also erneut Brasillach. Nach über 60 Jahren folgt mit den Kadetten des Alcázar wieder eine Erstübersetzung des umstrittenen französischen Jahrhunderttalents, das im postnationalsozialistischen Deutschland vor allem wegen seines virulenten Antisemitismus zu zweifelhaftem Ruhm gelangte. Der im besetzten Frankreich gefeierte Literatur- und Filmkritiker, Chefredakteur der Zeitschrift Je suis partout (dt.: »Ich bin überall«) sowie vielfache Romanautor lebte von 1909 bis 1945; er war als Bewunderer und Schüler des nationalchauvinistischen Schriftstellers Charles Maurras zunächst im Umfeld der royalistischen Action Française (AF) aktiv. Wie viele junge Intellektuelle seiner Generation war Brasillach jedoch zunehmend von der dynamischen und vitalen Inszenierung des Faschismus fasziniert und entfernte sich sukzessive – und desillusioniert von der explizit antideutschen, daher auch antieuropäischen Zielsetzung – von der reaktionären, katholischen und überwiegend altnationalistischen AF. In den folgenden Jahren wurde der junge Franzose aus französisch-katalanischem Elternhaus, der fortan an seiner individuellen, idealtypischen Version eines paneuropäischen fascisme immense et rouge arbeitete, zu einem der bekanntesten Autoren der radikalen Rechten, nach 1940 sogar zu einem der prominenten Kollaborateure Frankreichs.

1945, nach der Libération, aber noch vor Kriegsende, wurde Brasillach der Prozeß gemacht. Gnadengesuche von bedeutenden Schriftstellern, darunter Albert Camus und Paul Valéry, lehnte Charles de Gaulle ab. Am 19. Januar folgte die Verurteilung Brasillachs – nach sechs Stunden »Verhandlung«. Und schon am 6. Februar 1945 wurde er hingerichtet, also auf den Tag genau elf Jahre nach den gewaltsamen Protesten radikaler Rechter und einiger radikaler Linker, die für Brasillachs Kollegen Pierre Drieu la Rochelle die Geburtsstunde des französischen Faschismus bedeuteten. Auch für Brasillach war der 6. Februar 1934 eine Zäsur; er erblickte in den émeutes die »kollektive Seele des Aufstands«.

Nach seiner Hinrichtung lebte Brasillach weiter: Zunächst war er in den folgenden Jahrzehnten vor allem ein »Märtyrer« der nichtgaullistischen Rechtsgruppierungen und wurde in entsprechenden literarischen und politischen Zirkeln weiterhin auch als politischer Romancier verehrt. Heute indes wird Brasillach – wie Drieu, Céline und weitere ehedem Verfemte – auch wieder von nichtrechten Kreisen gelesen, und zwar, je nach Gusto, als Literatur- und Filmkritiker, als Poet, als Chronist eines untergegangenen Zeitalters oder aber, spezifischer, des Spanischen Bürgerkriegs, da er wiederholt für Je suis partout von den Kriegsschauplätzen berichtete und gemeinsam mit seinem Schwager Maurice Bardèche (1907–1998) die von einem nationalistischen Standpunkt aus verfaßte Histoire de la guerre d’Espagne (Paris 1939) vorlegte.

Henri Massis (1886-1970), Koautor der vorliegenden Kadetten des Alcázar, hat nie ein ähnliches internationales Renommee erworben. Der ursprünglich ebenfalls aus dem Umfeld der AF stammende Massis zählte jedoch innerhalb des französischen, vor allem traditional-katholischen, rechtskonservativen Milieus zu den bekannten Gesichtern der schreibenden Zunft. So arbeitete der Franzose in den 1920er und 1930er Jahren nicht nur für die Organe der AF (dessen Grand Prix er 1929 gewonnen hatte), sondern auch für renommierte Zeitungen wie Le Figaro oder Paris Journal; später leitete er mit der Revue Universelle seine eigene Publikation.

Deutlich an Charles Maurras, Maurice Barrès (in frühen Jahren) und Ernest Psichari geschult, vertrat Massis den sogenannten Okzidentalismus im Rahmen der katholisch ausgerichteten radikalen Rechten. Jener Okzidentalismus fußte laut Otto Leitolf (Die Gedankenwelt von Henri Massis, Berlin 1940) auf dem Glauben »an eine für alle Völker der Erde gültige, traditionsgebundene, latein-katholische Kultur französischer Prägung« – und so war diesem nationalfranzösischen Glauben ein antieuropäischer Habitus immanent. Massis schrieb von einer barbarie germanique und seinem erklärten Ziel der renaissance de l’esprit français als Gegenpart zum emporkommenden (»unfranzösisch« empfundenen) Faschismus, dessen sozialrevolutionäre Dynamik und antibürgerlicher Gestaltungswille ihn gleichermaßen abschreckten. Der integrale Nationalismus Massisscher Prägung kann wohl am besten als eine Synthese aus soldatischem Nationalismus und mystischem Katholizismus klassifiziert werden. Dies erklärt, wieso Massis die »klassischen« iberischen Autokraten Salazar und Franco bewunderte, Mussolini und vor allem aber Hitler klar ablehnte.

Robert Brasillach (2 v. r.) in den Ruinen des Alcázar (1938).

Brasillach, der von Otto Leitolf als Massis’ bekanntester Schüler bezeichnet wird, wich hier deutlich ab; er setzte sich aber, ebenso wie sein »Lehrer«, für eine Verständigung zwischen dem aus dem Spanischen Bürgerkrieg als Sieger hervorgehenden Franco-Spanien und dem neutralen Frankreich ein. Weltanschaulich trennte die beiden Autoren dabei zweifelsohne mehr, als sie verband. Dennoch veröffentlichten sie, begeistert vom bedingungslosen Heroismus der Verteidiger der Festung Alcázar, bereits Ende 1936, noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse stehend, gemeinsam das nun erstmals auf deutsch vorliegende Buch.

Brasillach, der immer wieder das vom Krieg zerrissene Land besuchte, begriff den Bürgerkrieg in Spanien dabei, vielen rechten Zeitgenossen ähnlich, als Kampf zwischen »marxistischer Dekadenz« und »faschistischer Spiritualität«, ja geradezu »als religiösen Abwehrkampf der katholisch-nationalistischen Spanier, der einen massenmobilisierenden Mythos kreiert« (Benedikt Kaiser).

Dieser Mythos – das war für Brasillach ganz konkret der Alcázar, das war der Oberst Moscardo, das war die Entschlossenheit junger Männer auf verlorenem Posten. Auch Armin Mohler hat in seinem bemerkenswerten Essay »Der faschistische Stil« (1973) auf die Bedeutung des Mythos Alcázar verwiesen. Die ersten Helden der Alcázar-Verteidigung sind zwei fest umrissene Gestalten, der Oberst und sein Sohn; sie sind zugleich die zentralen Personen jener eindrücklichen Szene aus der vorliegenden Novelle, deren »kalten Stil« Mohler beschrieb. Beide, Vater wie Sohn, »mit gebändigten Emotionen, jeder auf die Durchführung seiner Rolle bedacht, das Ganze aus der Spannung von Jugend und Tod lebend. Und das auf dem Hintergrund der España negra, jenes den Touristen so wenig bekannten schwarzen Spaniens des regentrüben Lehmes, der starr verhängten Gesichter und eben des Todes«.

In dieses Spanien führt uns das vorliegende Buch, und jeder ist eingeladen, diese spannende wie kurzweilige Reise anzutreten. Mit dem Abstand von knapp 80 Jahren zum Spanischen Bürgerkrieg ist es an der Zeit, die Aufarbeitung der Tragödie auf der iberischen Halbinsel unideologisch und vorurteilsfrei zu beginnen. Der literarische Zugang ist hierfür eine von mehreren Optionen. Doch während die großen Spanien-Romane »parteiischer« oder mit der extremen Linken sympathisierender Autoren – von George Orwell bis Ernest Hemingway – seit Jahrzehnten in deutscher Sprache vorliegen, las man über pro-falangistische (bzw. pro-franquistische) Belletristik bis dato nur in einer auf die Fachöffentlichkeit ausgerichteten Sekundärliteratur. Die Veröffentlichung der Novelle Die Kadetten des Alcázar ist in diesem Sinne ein Schritt zum besseren Verständnis der europäischen Krisis des 20. Jahrhunderts wie auch deren mobilisierender Mythen.

Ganz gleich, ob der Mythos des Alcázar dieser Tage politisch nicht mehr anschlußfähig erscheint, er lehrt vor allem eines: Gemeinschaftsstiftende Mythen, gegründet auf der selbstlosen Hingabe für eine Idee, sind die unabdingbare – und heute schmerzlich fehlende – Voraussetzung kollektiver politischer Erneuerung. Der französische Theoretiker Georges Sorel wußte um die Notwendigkeit eines elektrisierenden Bildes, das für jede politische Bewegung nötig ist, um sie nach vorne zu treiben oder ihr die von Carl Schmitt pathetisch benannte »Kraft zum Martyrium« zu spenden. Der Alcázar ist ein solches Bild von europäischer Tragweite.

Dresden, August 2017

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