Gedankensplitter zur Ökologie (1)

Spätestens mit dem ersten Kontakt römischer Legionäre mit den germanischen »Barbaren« war der Gegensatz zwischen Stadt und Land auch in unseren Gefilden angekommen. Heute ist dieser Gegensatz allerorten im Gespräch – »rechts« der Mitte jedoch bevorzugt Klischees bedienend. Damit soll dieser kontroverse Thesenbeitrag aufräumen. Er ist gleichzeitig der erste Beitrag einer unkonventionellen Reihe zur Ökologie aus der Feder von Jörg Dittus.

Wer das Leben in der Stadt nicht denken will, verweigert sich der Realität in mehrfacher Hinsicht. Ein Leben auf dem Land ist beim derzeitigen Stand der Bevölkerungszahl der Welt nicht umsetzbar. Weder in weiten Teilen und schon gar nicht in Gänze. Das Leben in der Stadt nicht zu denken, bedeutet auch: zurück zu einer Subsistenzwirtschaft. Die romantische Sicht auf ein bäuerliches Leben wird der Realität allerdings nicht gerecht. Es geht also nicht darum, ob man das Leben in der Stadt denken will (man muss es), sondern darum, wie man es zukunftsweisend denken sollte.

Die »Arkologie« als Zukunftsvision

1969 veröffentlicht Paolo Soleri sein Buch Arcology: The City in the Image of Man. Darin beschreibt er sein Konzept der »Arkologie«, der Verschmelzung aus Architektur und Ökologie. »Arkologien« sind eigenständige, hochverdichtete Städte, die alle Grundbedürfnisse selbst stillen. Sie sind nach ökologischen Gesichtspunkten geplant, gebaut und überdies autofrei. Durch diese Parameter wird der Flächenbedarf menschlicher Agglomerationen auf ein Minimum reduziert. Soleri präsentiert in seinem Buch konkrete Visionen von »Arkologien« für die unterschiedlichsten Weltgegenden und sogar für den Weltraum.

Soleri startete im Jahr nach der Veröffentlichung das Projekt »Arcosanti« in der Wüste Arizonas, wo seither Generationen von Idealisten eine neue Welt zu schaffen versuchen. Da es sich dabei um ein Bottom-up-Projekt handelt und keinerlei staatliche Unterstützung, weder in finanzieller noch technologischer Hinsicht, vorliegt, nimmt sich dieses Projekt eher bescheiden aus und karikiert das Anliegen auf gewisse Weise, da die notwendige Dichte nicht ansatzweise umgesetzt wird, nicht umgesetzt werden kann.

Farming, Working, Living …

Das erfolgreiche Umsetzen des »Arkologiekonzepts« ist nur durch einen gebündelten Willen, sprich von Staats wegen, möglich. Die aktuelle Stadtentwicklung ist hierfür ungeeignet. Ebenso die Tendenz, sich auf dem Lande niederzulassen, der entschieden entgegengewirkt werden muss. 

Eine gezielte Nachverdichtung der Stadt tut also als erstes aus ökologischer Sicht dringend not. Im Ergebnis wird es nur mehr wenige Superstädte geben. Das Festhalten am strukturschwachen, ländlichen Raum ist reine Nostalgie, die konservative Fetische bedient, und gehört in die Mottenkiste. Nur so kann menschliches Leben sinnvoll organisiert und der Natur Raum zurückgegeben werden, wo sie frei von menschlichen Einflüssen sein kann.

Die ländliche Idylle und das Automobil

Verkehr entsteht immer dort, wo Angebot und Nachfrage nicht kongruent sind. Man kann nun viel über Verkehrskonzepte und deren Qualität fachsimpeln – es gilt, ihn gänzlich zu vermeiden. Unsere Städte scheitern dabei daran, dass sie »gewachsen« sind, sprich, sich entwickelt haben. Dies mag für Urlaube und Postkarten vortrefflich sein, für ein zukunftsgerichtetes Leben ist es ebendies nicht.

Verkehr, allen voran der Individualverkehr, belastet Mensch und Natur auf vielfältige Weise. Abgesehen von den Schadstoffausstößen, die, wenn nicht klimarelevant, so doch jedenfalls gesundheitsschädlich, bei der Nutzung produziert werden, ist die Ökobilanz bei der Produktion des Fahrzeuges selbst ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Ebenso die Prozesswärme, die bei Produktion und Nutzung des Automobils anfallen. Berücksichtigt man jetzt noch die alleine im Fünfsitzer und Stau verbrachte Zeit, bleibt von der Freiheit und Selbstbestimmung der Werbeidylle aus den Kindertagen des Automobils und der Zeit des Wirtschaftswunders nicht mehr gar so viel über.

Der intakt scheinende, idyllische ländliche Raum ist zu einer romantischen Idee degeneriert. Die Gesellschaft ist zu komplex und zu arbeitsteilig, als dass hier elementare Probleme gelöst werden könnten. Er ist zu zergliedert und bietet keine Zukunftsperspektiven für junge Menschen. Lediglich schlecht organsierte und damit unattraktive Städte sorgen dafür, dass arbeitende Menschen noch freiwillig dort bleiben. Pendeln, Stau, kaum Zeit für die Familie nimmt man nur in Kauf, wenn Lebensqualität und Arbeitsplatz nicht in Kongruenz zu bringen sind.

Das Leben »auf dem Land« oder »im Grünen« ist ein Luxusphänomen und ein Lebensentwurf der Wenigen, ökologisch-konservativer Happy Few. Folgte dieser Idee die Mehrzahl der Menschen, oder könnte sie sich leisten, wäre der hierfür notwendige Flächenverbrauch enorm und der Qualitätsgewinn schnell keiner mehr. Man kann in einem Staat, der funktionieren soll, Menschen nicht gleichmäßig über die Fläche verteilen, ohne die Natur gänzlich zu vernichten.

Klimawandel, Treibhauseffekt und die 2000-Watt-Gesellschaft

Die derzeitige Debatte rund um das Thema Ökologie verengt sich häufig auf das Klima und hier auf den Klimawandel, wo es hauptsächlich um das dafür angeblich verantwortliche COsowie die Rolle des Menschen in diesem Prozess kreist. Dieses ist allerdings lediglich Indikator, nicht der »Klimakiller« selbst. Berühmtheit erlangte es im Zusammenhang mit dem vielfach bemühten Treibhauseffekt. Ohne diesen wäre Leben auf der Erde nicht möglich. Er verhindert das Abstrahlen langwelliger Infrarotstrahlung, die unter anderem von der warmen Erdoberfläche emittiert wird. Maßgeblich für diesen Effekt sind Treibhausgase, zu denen auch COgezählt wird. Allerdings ist COaufgrund seines Molekülspektrums sowie seiner Anteile an der Atmosphäre nicht in der Lage, den Treibhauseffekt zu verursachen oder auch nur maßgeblich zu beeinflussen.

Weitaus größeren Anteil hierbei hat H2O in allen Aggregatzuständen, dessen Molekülspektrum sowie auch die Anteile an der Atmosphäre viel mehr Infrarotstrahlung auf die Erde zurückzuwerfen in der Lage ist. Grund für die immer größer werdenden Anteile von Wasser in der Atmosphäre ist die zunehmende Erwärmung erdnaher Schichten. Diese wiederum ist auf einen immer stärker werdenden Energieverbrauch (Verbrauch im üblichen Wortgebrauch und nicht physikalisch gesehen, da Energie bekanntermaßen nur umgewandelt, nie aber verbraucht werden kann) zurückzuführen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob diese Energie unter Ausstoß von COgewonnen (siehe obige Anmerkung) wurde, oder CO2-neutral, wie dies bei alternativen, sogenannten erneuerbaren Energien wie Wind- und/oder Solarenergie der Fall ist. Die Nicht-Erzeugung von COändert nichts am Wassergehalt in der Atmosphäre und mindert damit auch nicht den menschengemachten Anteil am Treibhauseffekt.

Es gilt festzuhalten, dass der Klimawandel stattfindet. Und ja, dieser Klimawandel ist auchmenschengemacht. Zumindest in Teilen. Dies gilt es anzuerkennen, da andernfalls eine Diskussion vergebene Liebesmüh ist. Allerdings ist CO2, wie oben bereits erwähnt, kein Treibhausgas. Daher braucht es andere Lösungsansätze als eine Verbannung von COaus unserem Alltag oder den globalen Handel mit entsprechenden Zertifikaten. Die Schweiz geht hierbei einen angemessenen Weg: die 2000-Watt-Gesellschaft. Das Konzept dahinter wurde Anfang der 1990er Jahre an der ETH Zürich ersonnen und beinhaltet das Anstreben eines Primärenergiebedarfs von 2000 Watt pro Jahr und Person weltweit. Dies sei ohne nennenswerte Komforteinbußen möglich, bis 2100 (manche sprechen von 2050) umsetzbar und ergebe ein nachhaltiges Energieverbrauchsmodell.

Dieser Ansatz ist insofern zukunftsfähig, da die derzeitigen Maßnahmen mit einer bloßen Umstellung der Energieerzeugung zu kurz greifen: Warum nicht noch mehr Energie nutzen, wenn diese ohnehin »klimaneutral« erzeugt wurde? Ohne Einschnitte wird es ohnehin nicht gehen, möchte man eine tatsächliche Veränderung herbeiführen und nicht nur sein Gewissen durch Öko-Zertifikate auf der Stromabrechnung beruhigen.

Wir müssen die Stadt ganz neu denken!

Auch hierbei ist urbane Kompaktheit in puncto Ökologie überlegen. Kurze Wege machen Verkehr unnötig, damit wird der Primärenergiebedarf gesenkt, außerdem der Flächenbedarf pro Person, womit mehr Raum für Mutter Natur bleibt. Paolo Soleri macht in seinen ausführlichen Untersuchungen deutlich, wie raumgreifend die seinerzeitige – und seither hat sich mit wenigen Ausnahmen nicht viel geändert – städtebauliche Entwicklung war. Der eigentliche Stadtkern wird stärker entvölkert und dient primär zur Unterbringung von Banken und/oder Gewerbe. Zentrales Wohnen ist in großen Städten nicht realisierbar für einen Normalverdiener. Dadurch erhöht sich das innerstädtische Verkehrsaufkommen, wobei es ja gerade in Kernlagen verringert werden soll.

Die Stadt neu denken!

Arbeit, Wohnen und Bedarf des täglichen Lebens müssen in räumliche Kongruenz gebracht werden. Die Tatsache, in einer Dienstleistungsgesellschaft zu leben, macht dies recht einfach umsetzbar, da die meisten Tätigkeiten von zu Hause aus erledigt werden können. Notwendige Industrien werden auf lange Sicht durch Robotisierung und Digitalisierung nur noch Arbeit für Wenige bieten können; durch Fortschritte im Bereich der Emissionstechnologie müssen industrielle Anlagen nicht weiter in die Peripherie ausgelagert werden. Produktion und Konsumation fallen räumlich zusammen – »Arkologien« sind autarke, hochverdichtete und urbane Strukturen.

Wird die Stadt als solche grundlegend neu gedacht, wird sie in die Lage versetzt, ein zukunftsweisendes Konzept darzustellen. Notwendig hierfür ist allerdings, sie nicht als menschenfeindlich wahrzunehmen. Wir leben derzeit in einer urbanen Zeit. Man kann sich dagegen wehren – oder die Realität akzeptieren und nicht nur das Beste daraus machen, sondern etwas Gutes, und dies für eine relevante Bevölkerungszahl, nicht ausschließlich für die Profiteure kapitalistischer Zustände. 

Wer über die Zukunft nachdenkt – und dies ernsthaft tun möchte –, kann sich nicht mit lapidaren Verwaltungsmöglichkeiten des Aktuellen oder »dem Machbaren« zufriedengeben. Er muss weit darüber hinaus zu denken bereit sein. Die neue Zeit entsteht nicht durch Festhalten am Alten. 

(Autor: Jörg Dittus)

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