Hogar Social und die soziale Frage in Spanien

Die Bewegung »Hogar Social Madrid« (HSM) ist zurück! Nachdem die jungen Männer und Frauen Ende November – angeblich auf direkte Order des Innenministers – aus ihrem besetzten und selbstverwalteten Domizil gewaltsam geräumt wurden, gibt es nun eine neue Adresse, an die sich die Anhänger der rasant wachsenden Bewegung wenden können.

Wie auch bei den letzten beiden Besetzungen ging der Akt selbst recht unspektakulär vonstatten. Mit Leitern und anderen Hilfsmitteln kletterten die Aktivisten auf Balkone und Fensterbretter und öffneten anschließend Türen und Fenster, um ihre Mitstreiter hereinzulassen.

Tatsächlich handelt es sich aber beim jüngsten Fall der Hausbesetzung mitnichten nur um ein weiteres unbewohntes Mehrfamilienhaus in der Altstadt von Madrid.

HSM hat diesmal den großen Wurf gewagt und im Handstreich ein Gebäude erobert, das in glücklicheren Zeiten ein Veteranenheim der spanischen Streitkräfte war und immer noch im Eigentum des Verteidigungsministeriums steht. Damit hat sich die Jugendbewegung nicht nur einen weiteren mächtigen Feind in hohen Regierungskreisen gemacht, sondern geschickt auch das Augenmerk auf eine Gruppe in der spanischen Gesellschaft gelenkt, die ganz besonders unter der seit 2007 anhaltenden Wirtschaftskrise zu leiden hat: Die Veteranen des spanischen Heeres.

Flucht unter die ErdeSeit Jahren schon kürzt die sich selbst als »konservativ« bezeichnende Regierung unter Mariano Rajoy im Namen einer gnadenlosen Austeritätspolitik die Bezüge und Leistungen der ausgeschiedenen Soldaten. In der Folge kam es zu einer beispiellosen Selbstmordwelle unter ehemaligen spanischen Soldaten. Der öffentliche Aufschrei blieb gering. Zum einen hat mittlerweile fast jeder Spanier mit den harten Folgen der Wirtschaftslage zu tun, zum anderen gehört gerade in Spanien die massive Diskreditierung des Militärs und seiner Angehörigen durch linke gesellschaftliche Kräfte zum Alltag.

HSM legt genau exakt hier den Finger in die Wunde und merkt in seinem Facebook-Eintrag zur letzten Besetzung genau diese massive Misshandlung der Veteranen durch jenes Land an, zu dessen Schutz sie sich ursprünglich verpflichtet hatten.

Tatsächlich haben spanische Soldaten harte Zeiten hinter sich. Seit den neunziger Jahren sind sie rund um das Mittelmeer von ihrer Regierung in Kampfeinsätze geschickt worden, sei es der Libanon, Mali oder der Irak, und haben dort teils erhebliche Verluste erleiden müssen. Nach ihrer Dienstzeit stehen diese Veteranen häufig vor dem nichts. Die Eingliederung in den zivilen Arbeitsmarkt gestaltet sich äußerst schwierig und wird durch hohe rechtliche Hürden tatsächlich noch erschwert.

Die Regierung Rajoy gefällt sich derweil vor allem in der Rolle als Förderin der Anwerbung ausländischer Rekruten in anderen Ländern – dies wird gemeinhin als kostendrückende Lösung für das Anwerbungsproblem gut geheißen. Folgerichtig hat HSM in seiner ersten Verteilaktion von Lebensmittel im neuen Domizil vor allem auch in Armut gefallene Ex-Soldaten bedacht und dürfte somit im Ansehen vieler konservativer Spanier, die für Hausbesetzer sonst sicherlich nicht viel übrig haben, enorm gestiegen sein.

Parallel macht ein neu aufgezogener »Rechtsrat« von sich reden. Jeder Spanier, der Probleme mit seiner Haushypothek hat – und in Spanien ist die soziale Frage immer auch eine Immobilienfrage (wir berichteten) – kann dort umsonst den Beistand von Rechtsanwälten beziehen. In Spanien tätige Bankhäuser reagierten darauf recht ungehalten – müssen sie sich doch künftig auf eine größere Welle an Rechtsstreitigkeiten einstellen. Dieser Rechtsrat steht für eine neue Seite der sozialen Arbeit der jungen Bewegung. Man müht sich mittlerweile nicht mehr nur um Lebensmittelspenden für bedürftige Spanier, sondern versucht das Elend etwas näher an der Wurzel zu packen – mit den Mitteln der nationalen Solidarität.

So macht HSM von Zeit zu Zeit auf die missliche Lage von Rentnern aufmerksam, die aufgrund ihrer niedrigen Rente die Stromkosten nicht mehr zahlen können. Erst im letzten Monat ist eine ältere Dame in ihrer Wohnung bei lebendigem Leib verbrannt. Sie hatte weder Strom noch Gas bezahlen können und versuchte sich nun mit Kerzenstumpen zu behelfen. Eine der Kerzen setzte den Teppich in Brand und die pflegebedürftige Dame konnte das Feuer nicht schnell genug löschen.

Viele Spanier hat dieser Vorfall mit Wut und Trauer erfüllt. HSM sammelte in der Folge für einen »Stromfonds«, mit dessen Hilfe wenigstens die gröbste Not bei einigen gemildert werden soll. Außerdem beraten die jungen Aktivisten ältere Spanier bei allerlei Problemen, die sich in diesem Umfeld stellen. Damit machte sich die Jugendbewegung abschließend auch noch einige Feinde in den Verwaltungsräten der Stromkonzerne.

Das Verteidigungsministerium, die großen Bankhäuser – und nun noch die Stromkonzerne Spaniens. Hogar Social hat sich wahrlich mit einigen Riesen angelegt.

Dazu passt das neue Mottoshirt der dynamischen sozialen Bewegung: Combate al enemigo imbatible! – Kämpfe mit dem unbesiegbaren Feind!

Weiterführende Informationen: HSM auf Facebook

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