Im Osten steht unser Morgen

Am Sonntag wird in Sachsen und Brandenburg gewählt. Der Jungeuropa Verlag beschäftigt sich, und das sehr bewusst, wenig bis kaum mit dem Schauspiel des Parlamentarismus. Vielmehr fokussieren wir uns – auch auf diesem Weblog und in unserem Podcast – auf politische Theorie und Literatur. Verlagsleiter Philip Stein wagt nachfolgend einen Spagat und versucht zu beschreiben, was die besondere Haltung der Ostdeutschen ausmacht – und wie der geistige Osten unser aller Zukunft prägen könnte.

»Nein, ihr könnt uns nicht begreifen.« So heißt es in einem traditionellen Lied der studentischen Korporationen. Die Ostdeutschen zu begreifen, das ist eine Aufgabe, an der reihenweise Journalisten und Medienanstalten regelmäßig scheitern. Denn wo der Zugang fehlt, Rationalität und Distanz die emotionale Brücke zwischen Heimat und Lebensart zu erklären versuchen, ohne selbst daran zu partizipieren, dort wird nie ergründet werden können, was den Osten eigentlich ausmacht.   

Wer den Osten verstehen will, der sollte ein Abendprogramm des Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle besuchen. Denn unter der Oberfläche aus Dialekt, Selbstironie, »Ostalgie« und politischer Angriffslust verbirgt sich der Wesenskern ostdeutscher Identität: die beinahe unerschütterliche Überzeugung, dass die Unveränderlichkeit der Heimat das höchste Gut verkörpert. Unter »Heimat« subsumiert der Ostdeutsche die nachbarschaftliche Gemeinschaft, das Zusammenkommen und Zusammenwirken in Vereinen und Initiativen, die Geselligkeit der Kneipe, Mundart und Tradition, einen unpolitischen, urwüchsigen Patriotismus ebenso wie Not, Leid und Entbehrungen der Vergangenheit. Die Heimat symbolisiert für den Ostdeutschen vor allem eines: die ins Wanken geratene Selbstverständlichkeit, so sein, sprechen und leben zu dürfen, wie man es vermittelt bekam und wie man es mag.

»Wir alle merken, daß Heimat heute in Frage gestellt wird. Aber Kurt Tucholsky hat einmal tröstend gesagt, daß was auch immer mit diesem Deutschland passieren mag, es doch unsere Heimat bleibt. Es steht ja geschrieben: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹ Doch was, wenn du dich selbst nicht liebst? Wie willst du dann andere lieben? Schon komisch, daß sich diese Frage kaum einer stellt.«

Uwe Steimle: »Der Sachse macht’s Maul auf« (Interview), in: jungefreiheit.de v. 02.07.2018.

Die ostdeutsche Haltung ist die volkliche, unpolitische und somit instinktive Übertragung des Schmittschen Diktums vom Interventionsverbot raumfremder Mächte auf die gesellschaftliche Sphäre und den eigenen Lebensentwurf. Es ist die Verteidigung des Eigenen gegen die Übergriffigkeit einer westlerischen Art zu leben, zu denken und auch zu fühlen. Der Osten fußt auf Selbstverständlichkeiten, einem emotionalen Heimatbegriff, der nicht erklärungsbedürftig ist und keiner progressiven Infragestellung unterliegt; er lebt gesunde Kollektivität, ohne diese theoretisch grundieren zu müssen. In Zeiten, in denen das einzige gesamtgesellschaftliche kollektive Erlebnis die grenzenlose Individualität ist, avanciert die ostdeutsche Identität zum vielleicht letzten Schild gegen die allumfassende Übergriffigkeit. 

Im Osten ist der gesellschaftliche Vereinzelungsprozess, der den Westen vor allem kennzeichnet, noch nicht so weit fortgeschritten als dass die drastische Verletzung der grundsätzlichen Lebensgewohnheiten, der Grundsätzlichkeit an sich, keine Reaktion hervorriefe. Ob eine solche Reaktion angemessen, also im Wortsinne mindestens ausreichend ausfällt, ist eine andere Frage und beruht auf ganz anderen Voraussetzungen. Das bloße Vorhandensein einer Reaktion, und damit der Übergang von der Notiz zur Handlung und Konsequenz, kennzeichnet den Unterschied zwischen Ost und West.

Es handelt sich hierbei eher um eine Haltung, eine Art widerständigen Gemütszustand, der zumeist, doch nicht immer geographisch zu fassen ist. Der geistige Osten – das ist ein instinktiv vorhandener Widerstandsgeist gegen die totale, rasante und »von oben« forcierte  Veränderung der eigenen Lebenswirklichkeit durch eine unsichtbare Hand. Er ist im geographischen Osten zu finden, dort fast unabhängig der ewigen Antipoden Stadt und Land, beseelt jedoch auch versprengte Einzelkämpfer an den fränkischen Saaleufern oder in hessischen Fachwerkstädten.

Der Widerstand gegen die Veränderung der wahrnehmbaren Grundsätzlichkeit fußt vor allem auf einem emotionalen Verständnis der Heimat. Es geht hier viel weniger um Gender- oder Kulturdebatten, so wie viele rechte Intellektuelle gerne glauben möchten. Vielmehr geht es darum, dass konkrete Veränderungen der eigenen Lebenswirklichkeit nicht einfach widerspruchlos akzeptiert, abgenickt und in die eigene Lebensplanung integriert werden, so wie es im Westen der Fall ist.

»Wer hat 1989 die Revolution gemacht? Der Sachse macht eben ’s Maul auf – das finde ich wunderbar! Die Sachsen sind halt ›Protestanten‹. Wir Sachsen sind vielleicht die letzten Deutschen überhaupt, denn wir haben uns nie vorschreiben lassen, wie wir zu denken haben. Wir waren schon immer freie Geister. Und vielleicht schieben sie uns ja deshalb gerne in eine bestimmte Ecke, weil sie fürchten, wir könnten wieder loslaufen. Diesmal gleich bis Berlin. Zeit wäre es.«

Uwe Steimle: »Der Sachse macht’s Maul auf« (Interview), in: jungefreiheit.de v. 02.07.2018.

Diese besondere Art der Haltung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der geistige Ostdeutsche vorrangig ein Deutscher ist – und somit die zentralen Grundzüge seiner Wesensart teilt. Der Deutsche ist über alle Maße leidens- und anpassungsfähig und integriert sich de facto selbstständig und vor allem fortwährend in die durch Veränderung geprägte Gesellschaft. 

Die Fälle »Arnsdorf« (Sachsen) und »Marcus H.« (Sachsen-Anhalt) zeigen jedoch eindrücklich, was den Unterschied zwischen den geistigen Koordinaten West und Ost immer noch ausmacht:

Im sächsischen Arnsdorf bedrohte ein Iraker die Angestellten eines Supermarktes wegen der Reklamation einer tags zuvor gekauften und bereits aufgebrauchten Telefonkarte im Wert von lediglich 10 Euro. Die Polizei wurde zwei Mal verständigt, rückte zwei Mal an und handelte dennoch nicht. Als der Iraker schlussendlich eine Weinflasche am Hals ergriff und damit zwei Mitarbeiterinnen erneut bedrohte, zeigten vier Bürger Courage und entfernten den Iraker aus der Filiale. Der um sich tretende und schlagende Mann wurde bis zum erneuten Eintreffen der Polizeibeamten an einem Baum fixiert.

Der »Fall Arnsdorf« ging danach monatelang durch die bundesrepublikanische Presse. Die »Bürgerwehr« aus Arnsdorf wurde zum Sinnbild des rückständigen und rassistischen Sachsen stilisiert. Am 24. April 2017 wurde dann Anklage (Freiheitsberaubung) gegen die vier Arnsdorfer erhoben. Am Ende wird das Verfahren eingestellt. Rund hundert Prozessbeobachter waren in Kamenz vor Ort, etliche weitere protestierten vor dem Gericht. Der »Fall Arnsdorf« wurde zum Exempel ostdeutscher Selbstbehauptung und weitreichender Solidarität. 

Nur wenige Monate später, im September 2017, wird der junge Deutsche Marcus Hempel vor einem Einkaufszentrum in Wittenberg Opfer eines Gewaltverbrechens. Nach einem Wortgefecht mit einer Gruppe von syrischen Migranten wird Marcus mehrfach ins Gesicht geschlagen. Er fällt auf den Hinterkopf und verstirbt wenig später im Krankenhaus. Der AfD-Landtagsabgeordnete Mario Lehmann, ein ehemaliger Polizist, spricht später davon, dass Marcus »augenscheinlich hingerichtet« worden sei. Doch die Staatsanwaltschaft in Dessau-Roßlau ermittelte nur zögerlich, vermutete voreilig eine Notwehrhandlung des Syrers und unterstellte dem Opfer ohne jeden Beleg ein fremdenfeindliches Motiv.

Erst nach Bekanntwerden des sich anbahnenden Justizskandals schaltete sich die Staatsanwaltschaft in Magdeburg ein und übernahm den Fall. Der Vater des Toten, Karsten Hempel, kämpft seither unermüdlich für die Eröffnung eines Prozesses. Die vielen kleinen und großen Justizskandale aufzuzählen, die alleine diesen Fall begleiten, ist im Rahmen dieses Beitrags unmöglich. Fakt ist: Unter Einsatz all seiner Zeit, seines Geldes, seiner Gesundheit und seines Rufes kämpft Karsten Hempel in Sachsen-Anhalt für Gerechtigkeit. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat kürzlich, nach immensem Druck alternativer Medien und Initiativen, Anklage gegen den Syrer erhoben. Verschiedene »etablierte« Medien haben ihre Berichte korrigiert. Die erste Hürde ist also geschafft. 

Ob Arnsdorf oder Karsten Hempel, diese Ostdeutschen haben etwas gemeinsam: den Mut und die Kraft, im entscheidenden Moment zu reagieren, nicht wegzuschauen und damit ihre Heimat, die nicht erklärungsbedürftigen Selbstverständlichkeiten zu schützen. Die rasante Integration jener aufgelösten Selbstverständlichkeiten in die Köpfe und Lebenswirklichkeiten der westdeutschen Bürger macht am Ende den Unterschied. Hie ein letzter, mitunter unbewusster Widerstand gegen die Auflösung aller Dinge, da das große Arrangement mit dem Verlust des Eigenen und die kollektive Akzeptanz des Selbstbetruges. 

»Und in dieser Nacht in der Provence, im Haus inmitten des Olivenhains, im fröhlichen Lärm der Kinder, musste ich daran denken, dass Orte des Glücks und des Friedens nur dann entstehen und sich entfalten können, wenn sich in ihnen die männliche Entschlossenheit erhebt, sie zu verteidigen.«

Dominique Venner: Das rebellische Herz, Dresden 2018, S. 18.

Politik verläuft immer in Wellen und Schüben, ist ebenso an Konjunkturen gebunden wie die Wirtschaft. Die politische Rechte hat derzeit nicht die Macht und Hebel, um eigene Themen gesamtgesellschaftlich zu thematisieren, gar auf die mediale Agenda zu setzen. Die großen und vor allem unzähligen kleinen Demonstrationen, die in den Jahren 2015 und 2016 in Ostdeutschland abgehalten wurden, sind weitestgehend verstummt. Ihre Teilnehmer sind jedoch nicht untätig – zumindest nicht alle von ihnen. Das »rechte Netzwerk«, vor dem die »Zivilgesellschaft« so gerne warnt, ist aktiver denn je.

Ein Mosaik kann auch dann seine Form behalten, wenn seine Sichtbarkeit schwindet. Wir alle arbeiten täglich daran, dass aus den ostdeutschen Hempels dieser Welt keine westdeutschen Ladenburgers werden.

(Autor: Philip Stein)

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