Seeschäumer, Landtreter und das verteilte Herzland – Zur Aktualität von Carl Schmitts’ Land und Meer

Innerhalb der Werke der Konservativen Revolution sticht das 1942 erschienene Buch Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung von Carl Schmitt in seiner Bedeutung für das Verständnis der gegenwärtigen westlichen Geopolitik und Gesellschaft besonders heraus. 

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der Ablösung der Weltmacht Großbritannien durch die USA, legt Schmitt in Form einer Erzählung an seine Tochter Anima den welthistorischen Gegensatz zwischen Land- und Seemächten dar. Obwohl die Erde zu drei Vierteln mit Meer bedeckt ist, handelt es sich beim Menschen ursprünglich um ein Landwesen, das sich an Grenzen orientiert und grundsätzlich konservativ ist. Im Laufe der Geschichte tritt ihm der »Seeschäumer« als Kind der Meere entgegen, der sich nicht am Land, sondern am Meer orientiert. Die Geburt dieses Menschen findet Schmitt in der Entwicklung von England vor, das den Freihandel und den Kapitalismus, die Industrielle Revolution, die parlamentarische, repräsentative Demokratie, die Idee der »Menschheit«, der Menschenrechte sowie des philosophischen Universalismus miteinander, und in ihm verbunden hat. Die Weltgeschichte ist demnach »[…] eine Geschichte des Kampfes von Seemächten gegen Landmächte und von Landmächten gegen Seemächte.« 

Diese Auseinandersetzung sieht Schmitt auch im Kampf der beiden biblischen Ungeheuer Leviathan (ein riesiger Walfisch) und Behemoth (entweder als Stier oder Elefant dargestellt) versinnbildlicht. Die Piraten und Korsaren, welche im Dienste der englischen Krone die spanische Handelsschifffahrt bekämpften, waren in den Augen Schmitts die ersten Idealtypen dieses Seeschäumers, zu dem sich das eigentlich aus Schafhirten bestehende Volk der Engländer gewandelt hatte. Zu ähnlichen Erkenntnissen kamen auch Werner Sombart mit seinem Gegensatz zwischen Helden- und Händlervölkern sowie Ernst Jünger mit dem Widerspruch zwischen Bürger und Arbeiter.

Die Logik des Meeres und die Emanzipation der Wirtschaft von der Politik

In Land und Meer stellt Schmitt eine Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert fest, die immer mehr zu einer Emanzipation der Wirtschaft von der Politik führte und einen weltweiten »Freihandel« auf Kosten der staatlichen Souveränität entwickelte. Dieser Prozess ging mit der »Seenahme« der Briten einher, welche im Namen jenes »Freihandels« die Meere vordergründig für frei erklärten, sie im Endeffekt jedoch der Herrschaft der britischen Marine unterwarfen. Im modernen Seekrieg sieht Schmitt auch eine Eskalation des Krieges, der sich in Form der Blockade nun auch gegen die Zivilisten der Gegenseite richtet. Fortan fokussierte sich die englische Politik auf die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft über die Meere samt Meereswege, um den »Freihandel« – und somit die eigene Macht – zu sichern. In den Augen der großen angelsächsischen Denker avancierten daher Staat und Politik zur Wurzel des Bösen, wohingegen die Gesellschaft (Society) mit Privatwirtschaft, Fortschritt und Frieden gleichgesetzt wurde. Diese Weltsicht mündete schließlich im staatsfreien Welthandel und Weltmarkt, welche den angelsächsischen Kapitalismus zum Herren der Welt erklärten. 

Die Gedanken Carl Schmitts’ vom Gegensatz zwischen Land und Meer aufgreifend, analysiert Alain de Benoist als zentraler Vertreter der Neuen Rechten das internationale System unser Zeit. Während das staatliche System mit dem Land in Verbindung gebracht wird, handelt es sich nach Benoist bei der heutigen transnationalen Ordnung um ein maritimes System. Hier setzt sich nach Filippo Ruschi eine Ordnung durch, in der sich das »flüssige« Gesetz der Märkte gegen das »tellurische« Gesetz des Staates behauptet. Alles wird verschwommen, beweglich und vorübergehend. Anstatt fest verwurzelt zu sein, wird der Mensch in die Rolle des Bienenmenschen gezwungen, der von Blüte zu Blüte fliegt, von Standort zu Standort. An die Stelle des Homogenen tritt das Heterogene, aus Überlieferung wird Hybridisierung und der soziale Bereich wird durch das Netzwerk ersetzt. Kollektive Identitäten verschwinden zugunsten des Individuums, der öffentliche Raum weicht der Zivilgesellschaft. Benoist sieht unsere gegenwärtige Konsumgesellschaft mit ihrem Freiheitsideal von der Eigenschaft des »Flüssigen« gekennzeichnet. 

Die Zivilisation des Meeres in der Metapolitik

Die Macht liege schließlich in den Händen jener Menschen, welche nach Zygmunt Bauman gelernt hätten, wie das Wasser zu fließen. Ein weiterer wichtiger Aspekt der »flüssigen« Gesellschaft ist, dass sie keine Grenzen kenne, sondern so wie das Meer nur »[…] wechselnde Ströme, Strömung und Gegenströmung.« Dementsprechend ist die globalisierte Welt eine strömende Welt. Sie wird von technologischen Strömen, Informationsströmen, Migrationsströmen, Handelsströmen sowie Zahlen- und Finanzströmen dominiert. Krisen sind in ihr nichts anderes als die darin auftretenden Stürme. 

Im Rahmen dieser Logik wird die Erde schließlich zu einem unsicheren Terrain, einer beweglichen Wüste, einer »Geographie des Nirgendwo«. Auch die Vereinheitlichung, welche die Globalisierung hervorbringt, sei auf die Logik des Meeres zurückzuführen.

»Der spirituelle Monotheismus ist ein Kind der Wüste, der Monotheismus des Marktes ist ein Kind des Meeres, und es ist kein Zufall, wenn der Kapitalismus vor allen anderen Dingen mit der Piraterie verwandt ist. Die ›liquide‹ Welt ist eine Welt, in der alles liquidiert werden kann.«

Alain de Benoist

Die Logik des Meeres verfolgt dabei die Auflösung aller Grenzen – sowohl im Handel und Freihandel als auch im Krieg, der damit seine Hegung verliert. Hier weist Alain de Benoist darauf hin, dass am Anfang des Kapitalismus in England die Enteignung des Landvolkesvon seinem Grund und Boden stand. Alles, was der Akkumulation von Profit im Weg steht, werde beseitigt. Das komplett entortete Wesen des gegenwärtigen Kapitalismus und das nomadische Wesen der transnationalen Eliten, deren Haupteigenschaft eben ihre Mobilität ist, würde exakt dieser Logik entspringen.

Gleichzeitig führt der Liberalismus unserer Zeit mit seiner Deregulierung aller Lebensbereiche – ohne Rücksicht auf soziale Gemeinweisen – zu einer Verflüssigung der menschlichen Beziehungen, die im »eiskalten Wasser der egoistischen Berechnung« (Karl Marx) ertränkt werden. So wie auch das Kapital grenzenlos ist, ist ebenso der Prozess der Rationalisierung durch technische Mittel grenzenlos. Die Auflösung der Grenzen durch den maritimen Geist bedeutet die Auflösung der Unterscheidungen und führt somit zu einer Vereinheitlichung; diese wiederum führt zu einem monetären Gegenwert aller Dinge und das bedeutet schließlich die Ersetzbarkeit und Beliebigkeit aller Menschen und Dinge. Letzlich sei der Gegensatz zwischen Land und Meer auch jener zwischen endlich und unendlich, zwischen Grenze und Grenzenlosigkeit. Das Verständnis des Gegensatzes zwischen Land und Meer ist somit wesentlich, um die heutige Welt zu verstehen.

Das verteilte Herzland nach Alexander Dugin

Doch ergibt sich daraus ein ewiger Gegensatz zwischen den USA und dem Rest der Welt? Wie Alexander Dugin in seinem Aufsatz über das verteilte Herzland darlegt, ist die Zugehörigkeit zur Zivilisation des Meeres eine willentliche Entscheidung. So kann man etwa am zivilisatorischen Wandel Englands, der im frühen Mittelalter kulturell eines der leuchtendsten Beispiele der Zivilisation des Landes gewesen ist (siehe etwa die Rezeptionsgeschichte der Artussage auf dem europäischen Kontinent), und heute zweifellos zur Zivilisation des Meeres gehört, die willentliche Grundlage dieses Prozesses festgemacht werden. 

Während also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Halford Mackinder seine Herzlandtheorie formulierte, die angelsächsischen Mächte im Rahmen ihrer universalistischen Weltherrschaftslogik bis in den Kalten Krieg hinein nach einer Kontrolle der Küstenregionen der eurasischen Landmasse strebten, um schließlich das Herz des Kontinents, nämlich Osteuropa, kontrollieren zu können, stellt sich die Lage in der heutigen multipolaren Welt anders dar. Weder Russland noch Deutschland oder China sind dazu in der Lage, die Landmacht als Widerstand gegen die Seemacht alleine zu organisieren. Die Unhaltbarkeit der Thesen Mackinders von nur einem Herzland und damit nur einer Landmacht wurde dabei schon in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts offensichtlich, als deutsche Geopolitiker wie Karl Haushofer erklärten, dass auch Europa ein eigenes Herzland sei. 

Das Problem damaliger Geopolitiker lag nur darin, dass sie davon ausgingen, Deutschland müsse Russland erobern, um es als Herzland Eurasiens zu ersetzen. Diese Idee endete in der bipolaren Teilung der Welt, in der es dann tatsächlich nur eine See- und eine Landmacht gab. Doch auch China strebt gegenwärtig danach, ein eigener unabhängiger Machtpool auf der Welt zu sein. Ein Konflikt zwischen Moskau und Peking, wie ihn sich einige Strategen in Washington wie etwa Steve Banon erträumen, würde nur dann ausbrechen, wenn China, ähnlich wie Deutschland im Zweiten Weltkrieg, danach streben würde, ganz Eurasien zu erobern. Doch heute können wir im Rahmen der entstehenden multipolaren Welt eine gegenteilige Entwicklung feststellen, in welcher jeder Großraum einer unabhängigen Zivilisation zum Herzland wird – Das gilt sowohl für Eurasien/Russland und China als auch für Europa. 

Dabei können hier die verschiedenen Zivilisationen im Sinne des »verteilten Herzlandes« nach Dugin miteinander kooperieren, um den Einfluss der Seemacht USA zurückzuschlagen. Für Kontinentaleuropa bedeutet dies die Verwirklichung der Achse Paris-Berlin-Moskau, also eines unabhängigen Europas, welches gute Beziehungen nach Osten unterhält – Russland aber keineswegs als Hegemon akzeptiert. Würde man diese Idee auf die eurasische Landmasse übertragen, könnte nicht nur von einem europäischen und einem eurasischen Herzland gesprochen werden, sondern auch von einem chinesischen Herzland, das sich auf die konservativen Wurzeln der chinesischen Zivilisation besinnt, um diese gegen Liberalismus und Globalisierung zu verteidigen. Die islamische Zivilisation – von der Türkei bis nach Pakistan – würde weiteren drei bis vier solcher Herzländer Platz bieten. Selbst den USA böte sich nach Alexander Dugin die Möglichkeit, aus der Logik des Meeres auszubrechen und zu einem eigenen Herzland zu werden, das sich im Sinne eines konsequenten Isolationismus auf den nordamerikanischen Kontinent beschränkt und den Rest der Welt sich selbst überlässt. 

Darin würde dann der tiefe Sinn von Donald Trumps Wahlkampfslogan »Make America Great Again« konsequent umgesetzt werden. Auch Afrika und Südamerika bergen das Potenzial in sich, im Sinne der multipolaren Welt zu ihrem eigenen Herzland zu werden. 

(Autor: Alexander Markovics)

Hinweis der Redaktion: Die vom Autor gesetzten Fußnoten wurden in der Online-Version entfernt, können aber gerne bei uns nachgefragt werden.

In der reihe kaplaken des Verlag Antaios veröffentlichte Alain de Benoist kürzlich seine Betrachtungen zu Carl Schmitts Land und Meer. Hier kann es erworben werden: zum Verlag Antaios.

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