Von »Eliten« im »Mosaik« – Irrtümer und Eckpfeiler

Kein Begriff unseres politischen Milieus erhielt von Freund und Feind in den letzten fünf Jahren so viel Beachtung wie jener der »Mosaik-Rechten«. Die Erweiterung der politischen Rechten um einzelne Bausteine, das Forcieren einer arbeitsteiligen Herangehensweise und die gegenseitige weltanschauliche Ergänzung sorgten dafür, dass die Rechte in den Jahren nach 2015 neue Stellungen einnehmen konnte und ihre Resonanzräume erheblich erweiterte. Doch zugleich kam es zu schwerwiegenden Missverständnissen, die ebenfalls mit der Mosaik-Struktur zu tun haben. Individualistische Hedonisten, volks- und staatsgegnerische Radikalliberale und diverse Neocons wurden – wiederum: von Freund und Feind – als Teil des Mosaiks wahrgenommen. »Populismus« – ein Vehikel des Mosaiks zur Vennerschen Sammlung – wurde zu oft nicht im Sinne einer sinnvollen Zuspitzung politischer Standpunkte auf allgemeinverständliche Positionen und der Mobilisierung neuer Schichten verstanden, sondern mit niveaulosen Verhaltenslibertären assoziiert. Aus diesem Grund nutzte Benedikt Kaiser die Neuauflage der Venner-Schrift zu notwendigen Klarstellungen und Korrekturen einiger Fehler, die in den letzten Jahren aufkamen. Wir geben das Nachwort aus Für eine positive Kritik (Dresden 2019) ungekürzt wieder.

Nachdem der Jungeuropa Verlag Anfang 2017 die vorliegende Schrift Für eine positive Kritik dem deutschen Leser zugänglich machte, konnte tatsächlich die erhoffte Renaissance der Ideen Dominique Venners beobachtet werden. Veranstaltungen mit bis zu 200 Teilnehmern, verschiedene Diskussionskreise und zahllose Zwiegespräche junger Aktivisten und Denker machten deutlich, dass Venners Frühwerk einen Nerv der Zeit traf. Neben dem rein quantitativen Erfolg –die Erstauflage von 2000 Exemplaren war nach weniger als einem Jahr vergriffen – fiel auf, dass überwiegend junge Rechte unterschiedlichster Couleur erreicht werden konnten. Sozial- und Nationalrevolutionäre, Identitäre und klassische Konservative stießen ebenso auf Venners Streitschrift wie Nationalisten, Traditionalisten und Anhänger sportiver Subkulturen. Das war kein Zufall. Venners Fundamentalkritik am gesamten »nationalen Lager« las sich, trotz einiger spezifisch französischer und explizit zu historisierender Ingredienzien, aus verschiedenen Gründen aktuell; Fragen, die in den unterschiedlichen Submilieus des heterogenen rechten Feldes diskutiert wurden, fanden bei Venner eine bündige und radikale Darstellung, die trotz zeithistorischer Spezifika noch Gültigkeit zu besitzen scheint. 

Zustimmung der Leser hielt sich mit Ablehnung derweil die Waage. An mancher Stelle, und auch das gehört zur jüngsten Vennerschen Nachwirkung, blieb indessen Ratlosigkeit zurück, weil Leitlinien und Maximen Venners für eine dynamische Rechte in Widerspruch zum Handeln der heutigen unterschiedlichen Vertreter einer ebensolchen zu stehen schienen. Besonders kontrovers diskutiert wurde – erstens – der (scheinbare) zeitgenössische Widerspruch zwischen dem Anspruch Venners, Eliten- und Kaderbildung in den Fokus zu stellen, während man sich heute, wie es oftmals ausstrahlen mag, stärker auf quantitatives Wachstum der rechten Szenerie kapriziert. Ebenso für Irritationen sorgte – zweitens – der Umstand, dass Venners Postulat der Notwendigkeit einer unverkennbaren revolutionären politischen Theorie in direktem Widerspruch zu gewissen, auch ideologisch integrierenden »Mosaik«-Bemühungen der Neuen Rechten stünde. Beide verschiedentlich artikulierten Einwände gegen die Vereinbarkeit von (theoretischer) Venner-Rezeption und (praktischem) Handeln durch Verlag und unmittelbares Umfeld hängen grundsätzlich zusammen und verdienen eine – zumindest kursorische – Erklärung und anschließende Prüfung.

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Vieles von dem, was dabei nach 2017 in Bezug auf Venner diskutiert wurde, hat mit dem Jahr 2015 und seinen Folgen zu tun. Die fehlende Grenzschließung der bundesdeutschen Regierung im Sommer der Migration und die Krise in Permanenz des Establishments haben, und das war die gute Nachricht, die Resonanzräume der politischen Rechten erheblich erweitert. Das Ausgreifen einer grundsätzlichen und alternativen politischen Strömung auf bis dato apolitische oder zaghaft bürgerlich-patriotische Kreise war, und das ist die schlechte Kunde, indes ausschließlich quantitativer Natur. Das zahlenmäßige Wachstum, das für die »Mosaik-Rechte« verbucht werden konnte, beinhaltete oftmals eben keine qualitative Kategorie. Der »Kooperationsverbund kritischer Kräfte« (Hans-Jörg Urban), als welcher das arbeitsteilige heimatorientierte Mosaik aus Periodika, Jugendgruppen, Partei und Außerparlamentariern erheblichen personellen Zuwuchs erfuhr, blieb zu oft eben dies: eine Ansammlung kritischer Kräfte, doch ohne Ambitionen, über die leichtfallende Ablehnung der Merkel-Ära hinaus zu weisen.

Selbst der migrationskritische Grundkonsens, der unterschiedlichste weltanschauliche Akteure temporär zusammenfügen konnte und, bei Fortdauern des nichteuropäischen Andrangs auf bundesdeutsches Territorium, noch kann, wurde wiederkehrend als »islamkritischer« oder gar neokonservativ-islamfeindlicher Grundkonsens – und zwar explizit auch durch mediale Multiplikatoren der Szene – fehlgedeutet und entsprechend gestreut, wobei noch nichts über andere schwerwiegende Differenzen gesagt wäre. Das liegt nicht zuletzt am Primat der Empörung (ob der Massenmigration, ob des schwarzrotgrüngelben Refugees-Welcome-Wahns, ob Gender-Mainstreaming-Apologien usf.) gegenüber nachhaltiger, substantieller inhaltlicher Arbeit durch viele »Neuzugänge« und die seit 2015 Politisierten. Das liegt nicht zuletzt an der Notwendigkeit der breitestmöglichen Kräftesammlung des »patriotischen Lagers« und dem damit verbundenen zeit- und kräfteraubenden Strukturaufbau etc.

Eben hier kommt Dominique Venner ins Spiel, dessen bekannte Maxime – gegenteilig zu den vordergründigen Entwicklungen heute – lautete, dass ohne tiefschürfende revolutionäre Doktrin einer selbstbewussten Elite eine Revolution im Sinne einer grundsätzlichen Richtungsumkehr der Zeitgeisttendenzen samt gesellschaftlicher Zustände unmöglich sei. 

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Leiden deshalb jene, die sich auf Venners Frühwerk berufen und zugleich die vielfältige und mitunter »populistisch« operierende Mosaik-Rechte gestalten, an politischer Schizophrenie? Oder handelt es sich nur um verschiedene Ebenen und Handlungsfelder? Es dürfte wenig überraschen, dass wir zur zweitgenannten Ansicht tendieren. 

Bei der gesamten Problematik müssen zunächst die Dimensionen klargestellt werden. Es gibt eine handlungsorientierte Ebene, welche die Struktur, Formalitäten und diverses Organisatorisches umfasst. Diese Ebene ist die Primärebene der Mosaik-Rechten. In der 77. Ausgabe der Zeitschrift Sezession führte ich Anfang 2017 –parallel zur Venner-Veröffentlichung – aus: 

»Dieses Mosaik müßte getragen sein von der Überzeugung, daß parlamentarische und außerparlamentarische Akteure mit nicht hintergehbarem Bezug auf ein inhaltlich Einendes bausteinartig ein Gesamtmilieu abbildeten, bei dem jeder in seinem Beritt mit den dort typischen Verhaltens- und Aktionsweisen agierte, die organisationskulturelle Autonomie des Bündnispartners aber akzeptierte. […] Ein tatsächliches Ineinandergreifen parlamentarischer und außerparlamentarischer Akteure müßte anerkennen, daß Parlament und Bewegung sich wie ›Standbein und Spielbein‹ (Rosa Luxemburg) ergänzen, daß sich – in Abwandlung eines Diktums Antonio Negris – eine ›kämpfende‹ und eine (künftig) ›regierende‹ politische Rechte als dialektisches Paar ergänzen, gegenseitig strategisch vorantreiben und zugleich korrigieren.«

Spätestens mit dem eindringlichen Hinweis, dass es darum gehe, in Richtung »einer breiteren Bewegung zu wirken, die aufgrund ihrer Vielfalt (Denkfabriken, Periodika, Jugendbewegungen usw.) als ›Mosaik-Rechte‹ zu bezeichnen ist«, sollte deutlich werden, dass die Mosaik-Struktur als Teilchenstruktur vor allem anderen ein Netzwerk der effektiven, solidarischen Arbeitsteilung darstellen muss – und weniger eine einheitliche inhaltliche Stoßrichtung verkörpert. Mit der erstmaligen flächendeckenden parlamentarischen Präsenz einer Wahlpartei des rechten Lagers wurde diese subjektive Klarstellung und Ausarbeitung objektiv nötig, da die historischen Lehren aller Rechtsparteien im deutschsprachigen Raum – die FPÖ bietet das drastischste aller Beispiele – zeigen, dass zu viele Vertreter ebendieser Parteien rein parlamentsgläubig auftreten und ein außerparlamentarisches Umfeld und Vorfeld in arroganter und dezidiert apolitischer Art und Weise für überflüssig halten. War die Mosaik-Metapher also unter anderem auch dafür gedacht, dem parteipolitischen Feld ein politiktheoretisches und -strategisches Update in Form eines Briefings zu verpassen, so hatte sie hernach auch eine inhaltliche Komponente. »Es gilt«, so schloß ich 2017, »eine Rechte zu schaffen, in der viele Rechte Platz haben«. Das war eine Chiffre für Arbeitsteilung – Wirkungsfeld 1 des Mosaiks – und inhaltliche Heterogenität – Feld 2 – zugleich. 

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Zweifellos gibt es Zeiten, in denen aufgrund des historischen Moments und einer konkreten Lagenanalyse die Notwendigkeit entsteht, (inhaltliche) Widersprüche auszuhalten und über die einzelnen Fraktionen hinweg gemeinsam die Kräfte zu sammeln. Es spricht nichts dagegen, auch Venners Haltung nicht, das Feld situativ zu öffnen und zu erweitern. Venner schrieb in der Positiven Kritik, dass »aktivistische Minderheiten keine sterilen Sekten« darstellen; sondern »sie stehen in direktem Kontakt zu der Bevölkerung«, weil es auch darum gehe, »bislang Unentschlossene zu absorbieren«. In die Gegenwart projiziert kann diese Feindschaft zur Sektenbildung und die Aufforderung zum Kontakt zum Volk auch bedeuten, die Nähe zu inhaltlich Aufgeschlossenen zu suchen.

Mit »2015« ist erstmals seit Jahrzehnten die Situation eingetreten, dass bis dato apolitische oder andersdenkende Menschen grundsätzliche Abneigung zu den herrschenden Verhältnissen verspüren. Offensichtlich ist, dass nicht alle von ihnen die Neigung zur politiktheoretischen Reflexion aufweisen – was freilich keine Überraschung ist. Entscheidend ist, dass sich deren Unbehagen an Einzelfragen – Migration, linke Medienlügen, Kanzlerin Merkel etc. – entzündet, wobei ihnen naturgemäß (noch) das Verständnis und die Begriffswelt dazu fehlt, die Kritik an diesen Zuständen in »unserem« Sinne zu artikulieren. Daher wirken nicht nur die genuin neokonservativen (erzliberalen, prowestlichen, anti-etatistischen und damit kaum erreichbaren) »Wutbürger« weit entfernt von der Neuen Rechten, sondern auch die große Majorität jener nun erstmals anpolitisierten Menschen, die sich noch im Vokabular des falschen Ganzen bewegen, aber das Potential aufweisen, durch – forcierte – nachhaltige Denkarbeit und Weiterentwicklung des Bewusstseinshorizonts zu Erkenntnissen vorzustoßen, die dann in neurechtem Sinne fruchtbar werden.

Eine »Einigelung« auf eine »aktivistische Minderheit« (Venner) würde nicht nur den Resonanzraum, der sich im zeitgenössischen »populistischen Augenblick« (Alain de Benoist) geöffnet hat, unentschuldbar und irreparabel schließen. Es würde auch Venners Anspruch, »bislang Unentschlossene zu absorbieren«, unmöglich machen. Es darf ohnehin nie darum gehen, einzelne Leitsätze eines Denkers – in diesem Fall von Dominique Venner – absolut zu setzen und sich sklavisch an ihnen auszurichten. Eine »Doktrin« wäre dann keine positive Errungenschaft im Sinne einer – obschon kohärenten, doch durchaus Veränderungen unterliegenden – politischen Theorie, sondern: ein Dogma. Es muss immer, auch bei der fruchtbaren Re-Lektüre der Positiven Kritik, darum gehen, dasjenige nutzbar zu machen, was in der konkreten Lage vorwärts bringt, und dasjenige zu verwerfen oder temporär hintanzustellen, was zum gegebenen Zeitpunkt nicht oberste Priorität genießen kann.

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Die große, zeitbedingte Aufgabe des gesamten Mosaiks und seiner divergenten Einzelsteine, Unentschlossene bzw. Anpolitisierte zu erreichen und einzubinden, macht(e) es demnach erforderlich, inhaltliche Widersprüche auch über das übliche Maß hinaus zuzulassen und ideelle Vielfalt zu ermöglichen, um durch unterschiedliche Akteure unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunktlegungen, Begriffen und Inhalten zu erreichen. Aber zugleich – und das ist die entscheidende Herausforderung, die das Politische als steter kontingenter Prozess mit sich bringt – darf keine weltanschauliche Beliebigkeit eintreten. 

Das Problem, das Venner vor 60 Jahren beschrieb, wonach die »Aktivisten ihre gemeinsamen Vorfahren und Vordenker« nicht mehr kennen, wonach »ihre einzige Gemeinsamkeit negativer Natur« ist, wonach die »Wörter, die sie verwenden«, »unterschiedliche, teils gegensätzliche Bedeutung haben« – all das gilt heute, in einer Zeit der Auflösung aller Gewissheiten und der Sinnentleerung bzw. notorischen Pervertierung ganzer Begriffswelten (originäre Antifaschisten als »Linksfaschisten«, Muslime als »neue Nazis«, der Staat als »Moloch«, Linksradikale als »rote SA«, EU-Apparat als »EUdSSR«, kapitaltreue Christdemokraten als »Linksgrüne« etc.), umso mehr. 

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Es gibt nun – und beides ließe sich mit einem flexibel ausgelegten Venner begründen – zwei Optionen. 

Entweder man stößt die »2015er Gefallenen« pauschal ab, weil man deren von klein auf verinnerlichte »Sprache der BRD« (Manfred Kleine-Hartlage) für so folgenschwer hält, dass eine Korrektur nicht möglich erscheint. »Die wenigen wertvollen Elemente«, mahnte ja Venner, würden »gelähmt von den Verrückten, die sie umgeben«. 

Diese erste Option korreliert mit dem Anspruch der Elitenbildung Venners, stößt sich aber an seinem ebenso formulierten Anspruch, breite Schichten eines Volkes durch arbeitsteilige Ansprache und Organisationsarbeit zu erreichen; gerade heute ist, mit Venner formuliert, »nicht die passende Gelegenheit, um dem Purismus zu verfallen«. Überdies erscheint diese Option in ihrer Pauschalität durchaus unangemessen, weil 2015 nicht nur neokonservative »Wutbürger« und Verhaltenslibertäre politisiert wurden, die einem negativ ins Auge stechen mögen, sondern darüber hinaus auch zahlreiche Menschen mit Leistungsvermögen und erwiesenem Realitätssinn, die auf schrilles Auftreten verzichten und daher oftmals unter dem Radar bleiben. 

Es empfiehlt sich folglich die Bevorzugung der zweiten Option, namentlich der Versuch einer – gewiss weiterhin auf schmalem Grat verlaufenden – Synthese samt zeitgemäßer Weiterentwicklung beider Venner-Ansprüche: Elitenbildung (intern) und quantitatives Maximalwachstum (extern). 

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Bilanziert man die vorliegende Standortbestimmung der Mosaik-Rechten im ausgehenden Jahr 2019, werden acht interdependente Eckpfeiler deutlich:

1. Der zeithistorisch notwendig gewordene Formierungsprozess der Mosaik-Rechten seit 2015 folgt keiner linearen Entwicklung, sondern kennt neben Fortschritten und Erfolgen auch Rückschläge. Interne Konflikte sind kaum zu vermeiden. Dabei darf indessen nie vergessen werden, dass ein jedes politisches Mosaik »den Bezug auf ein allen Gemeinsames, aus dem allein die Bindekraft des Mosaiks sich bilden kann«, benötigt (Peter Jehle). 

Die strömungsübergreifende identitätsstiftende Klammer unseres Mosaiks ist das Bekenntnis zum Eigenen, die dezidierte Heimatorientierung, die Akzeptanz des Grundvorrangs eines »Wir« und, damit verbunden, die unbedingte Gegnerschaft zu individualistischen Ideologien samt ihrer Praxisresultate. 

2. Wer diesen kleinsten gemeinsamen Nenner der Mosaik-Rechten affirmiert, bestätigt zugleich, dass eine gegenseitige Anerkennung als Schritt zur ganzheitlichen Politikfähigkeit vonnöten ist. Diese Anerkennung beinhaltet auch, dass auf einen übertriebenen (weil überambitionierten) Vereinheitlichungsanspruch verzichtet wird, obschon der Spagat gelingen muss, die Zentrifugal- und damit Spaltungskräfte nicht frei obwalten zu lassen. Ein »organisierendes und orientierendes Zentrum« (Wolfgang Fritz Haug) der Mosaik-Struktur ist zwingend erforderlich; nur kann und darf es keine kritikresistente Schaltstelle verkörpern. 

3. Das Organisation vermittelnde und Orientierung spendende Zentrum kann durch bewusste Entscheidung das Wachstum des Mosaiks einschränken. Nicht jeder Stein passt ins Gefüge, nicht jede Farbe passt ins Bild. Wenn die Kohäsion oder Bindekraft des gesamten Aufbaus in Gefahr ist, kann auch die Entfernung eines bestimmten Bildteiles unumgänglich werden. Es gilt für ebenjenes Zentrum, Vermittlungsschritte dort zu entwickeln, wo es objektiv und subjektiv sinnvoll ist, und eine Trennung zu beschleunigen, wo es unvermeidlich erscheint. Krass abweichende Meinungen zum eingangs skizzierten kleinsten gemeinsamen Nenner sowie Lebensbilder, die Hedonismus, ausgeprägte Dekadenz und, allgemeiner gefasst, diverse Ich-Ideologien transportieren, gefährden den aufgespannten Aktivitätsrahmen und die mühsam erkämpften Handlungsfähigkeiten.  

4. Die Mosaik-Rechte wird immer als Nukleus gedacht; weitere Allianzen ihrer Einzelteile mit externen Akteuren sind möglich, aber ergeben sich nicht automatisch, sondern situativ. Ein Bündnis der gesamten Mosaik-Struktur mit außenstehenden Akteuren, mit denen es eine ernsthafte Schnittmenge geben mag, kann temporär oder örtlich begrenzt durchaus nach einer Kosten-Nutzen-Prüfung erfolgen, ohne zugleich deren jeweilige Szenerie ins Mosaik zu integrieren. Jeder Kader, jeder Multiplikator, jeder Aktivist der Mosaik-Struktur trägt Verantwortung, der Erosion des Gesamtwerks durch voreilige und kontraproduktive Allianzversuche keinen Vorschub zu leisten. 

5. Eine entscheidende Rolle spielen bei dieser steten Bildungs-, Vermittlungs- und Sortierungsarbeit »integrierende Bewegungsintellektuelle« (Hans-Jürgen Urban). Sie müssen Entwicklungen antizipieren, Debatten anstoßen und auf der Höhe der Zeit bestmögliche Aufklärungs- und Theoriearbeit leisten. Es ist davon auszugehen, dass Gruppen, Ideen und Projekte kommen und gehen, denn »geduldiges und systematisches Bestreben wird die unterschiedlichste Gestalt annehmen« (Venner). Die integrierenden Bewegungsintellektuellen wirken hier als Kitt und Korrektoren zugleich; das bereits Erreichte darf von den einzelnen Bausteinen nicht gefährdet werden, ein Rückschritt in die Zeit vor 2015 wäre zuallererst Zeit- und Substanzverlust; doch derlei kann sich das alternative Lager nicht leisten. 

6. Vor ihrer Neujustierung im Rahmen des Mosaiks war die politische Rechte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – überwiegend, nicht ausschließlich – wahlweise als ungewolltes wie unbeirrbares CDU-Anhängsel, als ewiggestriger Lunatic fringe, als pseudoelitäres Ordensimitat oder auch als beratungs- und veränderungsresistente Traditionskompanie präsent. Kluge Einzelpersonen und kleinere Denkzirkel, die es jenseits des skizzierten Feldes immer gegeben hat, blieben aus internen wie externen Gründen heraus isoliert von relevanten politischen Prozessen. Die Mosaik-Rechte des frühen 21. Jahrhunderts ist nun angesichts der Lage, die neue Resonanzräume schuf, der ambitionierte Versuch, einen Transformationsprozess einzuleiten, an dessen Ende ein handlungsfähiges, arbeitsteiliges, weltanschaulich profiliertes und authentisches Milieu bereit steht. Es ist, in den Worten Venners, »eine Arbeit des langen Atems – ohne Glanz und Gloria, ohne Ruhm. Doch einzig und allein diese Form des Aktivismus ist wirksam«. Das gilt 2019 umso mehr. 

7. Die Mosaik-Struktur ist weder ein rein theoretisches Projekt noch ein exklusiv praktisches. Was zählt, ist der fortwährende Versuch, Impulse aus der politischen Praxis in die eigene Theorie zu integrieren und – im stetigen Wechselspiel – der Praxis ein Fundament aus der reichhaltigen politischen Theorie zur Verfügung zu stellen. Das schließt ein unaufhörliches Weiterarbeiten an Begriffen und Inhalten, an Strategien und Taktiken ebenso ein wie die Akzeptanz der Möglichkeit des Scheiterns. 8. Die mosaikrechte Struktur (und damit auch die Kritik an ihren Unzulänglichkeiten) ist ein Kind dieser Zeit, das man argwöhnisch beäugen darf. Doch angesichts der sozialen und politischen Zustände, die uns umgeben, wäre das Versäumen des Versuchs einer effektiven Mosaik-Rechten unterlassene Hilfeleistung und mindestens unverantwortlich. Es mangelt bis dato an praktikablen Gegenvorschlägen; eine positive Kritik unserer Tage wurde noch nicht verfasst.

(Autor: Benedikt Kaiser)

Ein Gedanke zu „Von »Eliten« im »Mosaik« – Irrtümer und Eckpfeiler“

  1. In Anbetracht des aktuell aufflammenden Widerstandes gegen die Corona Massnahme muss der Mosaik Gedanke auf die bestehende Bewegung erweitert werden oder neu mit dem Begriff Mosaik Bewegung versehen werden. Dies ist etwas anderes als Mosaik Rechte. Die Bewegung ist breiter, auch deshalb weil in ihr Menschen engagiert sind, die keine Rechte sind und auch nicht einer Mosaik Rechte zugeordnet werden können. Die Widerstandsbewegung als ein Mosaik zu denken ist wichtig bei der Festlegung von Strategien, sie erfordert ebenso viel Geduld und vor allem Toleranz denen gegenüber die man nicht in eine Mosaik Rechte einordnen kann. Das Aufkommen eines Gefühls der Vereinnahmung sollte ausgeschlossen sein. Vereinnahmt sind alle im gemeinsamen Ziel, hier Weg mit den Corona Massnahmen. Bewegungen zeigen aber immer, dass sie nur auf Zeit wirken, mit dem Erreichen des gemeinsamen Ziels lösen sie sich auf. Bestehen sie in anderer Form weiter, beispielsweise in einer Partei heist das nicht, dass damit das Ziel erreicht wurde. Siehe grüne Bewegung. Mit der Gründung der grünen Partei war die grüne Bewegung tot und gescheitert.

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