Amour. Absinthe. Carré Monti.

Das Carré Monti lernte ich vor einigen Jahren kennen. Es war April. Der Monat, von dem man sagt, er sei der beste Monat, um Rom zu bereisen. Tatsächlich. Über den Palazzi, den charakteristischen Häusern in der ewigen Stadt, steht im April eine wärmende Sonne, deren Licht die Stadt in eine Art goldenen Schein hüllt. Alles blüht. Noch eine erfrischende Brise zieht über die grüne Wiese an dem wunderschönen See im Herzen des Stadtteils EUR. Der leichte Wind lässt die vielen Kirschblütenblätter über den Rasen tanzen, die in dieser Jahreszeit so charakteristisch die begrünten Hügel säumen. In der Luft steht dieser Duft, den man kaum beschreiben kann. Man spürt ihn an den ersten sonnigen Tagen des neuen Jahres, wenn die Milde des Frühlings den langen Winter zurückdrängt. Über dem See kreisen Möwen. Bis zum Lido di Ostia wären es nur wenige Stationen mit der Stadtbahn. Aber ich muss in die andere Richtung. Zum frühen Nachmittag bin ich mit einem Freund verabredet, der hier in Rom ein Auslandssemester verbringt. Seine Fakultät liegt nicht weit von hier. Das Quartiere EUR durchstreife ich bis zu einer Haltestelle der Metro, die direkt hinter dem »quadratischen Kolosseum« liegt, dem Herzstück dieses sagenhaften Stadtteils, den man eigens für die geplante Weltausstellung 1942 errichtete. Hier verbindet sich der in Marmor und Kalkstein gehauene Neoklassizismus mit der Antike, der schlichte Razionalismo mit prachtvollen Fresken und mächtigen ehrfurchterregenden Statuen, die eingerahmt sind von Wasserspielen und dem Grün der Palmen und Pinien.

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Mit der Linie B sind es zwei Stationen bis zur Basilika San Paolo, die im gleichnamigen Stadtteil liegt. Die Fakultäten einer der großen Universitäten der Stadt verteilen sich über das ganze Viertel. Hier bin ich zum Aperitivo verabredet. Eine kulturelle Angewohnheit der Italiener, nach Feierabend ein, zwei Getränke an einer Bar zu sich zu nehmen. Wir treffen uns unweit der Haltestelle an einem kleinen Café, doch ich bin offenbar zu spät. Mein Freund Jan und seine Kommilitonen verabschieden sich gerade. »Alles Luschen, haben Schiss wegen der mündlichen Prüfung morgen«, sagt Jan zur Begrüßung. »Aber komm, ich weiß, wo wir jetzt hinfahren!« Wir gehen zurück zur Metrostation. Nach einigen wenigen Stationen erreichen wir die Haltestelle »Cavour«»Noch ein paar Minuten die Straße rauf, dann sind wir da.« Während wir den leichten Anstieg entlang der viel befahrenen Straße hochgehen, erzählt mir Jan von diesem Ort, an den er mich bringen will. Verabredet sei er dort mit niemandem, aber es seien immer Leute dort, die man kennt. Den ganzen Tag gehen Freunde und Bekannte ein und aus, viele gehören zur Bewegung CasaPound, aber viele sind auch nur die Freunde von Freunden, wiederum einige immer auch normale Gäste, Touristen und so was.

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Die Bar liegt an einer Hauptstraße im Stadtteil Monti an einem Eck. Daher auch der Name: Carré MontiAuf den ersten Blick scheint es eine normale Bar zu sein, wie es sie hier an jeder Ecke gibt. Doch etwas ist anders. Auf den Stühlen vor dem Eingang winkt Jan schon einigen Leuten zu. Es ist einiges los. Aperitivo eben. Das Interieur ist schlicht, aber unglaublich stilvoll. Es hat einen starken französischen Einschlag, die Details sind liebevoll. Die Speise- und Getränkeanschläge sind verschnörkelt und handgemalt. Alles hat eine Mischung aus Jugendstil und dem Italien der 1920er Jahre. Die Wände zieren ästhetische Bilder, ein alter Militärdolch thront eingerahmt auf einem roten Samtkissen. In einer Ecke hängen Postkarten aus aller Welt. Eine sticht hervor in den deutschen Farben: »Burschentag 2015«.  In den Regalen stehen Weinflaschen neben einer Bücherwand. Auf den kleinen Marmortischplatten finden Gäste Chips und Oliven, das bunt gemischte Publikum versprüht internationales Flair und die Gelassenheit eines Feierabends an einem sonnigen Frühlingstag. Viele scheinen sich hier zu kennen. Jan stellt mich vor. Einigen Stammgästen, die an der Theke stehen und Campari trinken. Und den Inhabern.

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Chiara und Sébastien sind ein Ehepaar in ihren Vierzigern. Sie trägt blondes Haar und strahlt, als sie uns sieht und begrüßt uns in aller Wärme. Sie wirkt unglaublich jugendlich. Ihr Mann, den alle Séb nennen, begrüßt uns mit einigen Wortfetzen auf Deutsch. Im Gegensatz zu seiner stets aufgedreht heiteren Frau wirkt er etwas knochig und trocken. Aber das täuscht. Hinter der Schale des ehemaligen Offiziers wartet das Gemüt eines wahren Gastgebers. Wie Séb ist auch Pierre eigentlich aus Frankreich. Pierre ist die gute Seele des Betriebs. Und ein begnadeter Koch. Zu dritt betreiben sie diese Bar. Geöffnet wird früh, zum Berufsverkehr. Meist schon vor sieben. Geschlossen wird, wenn der letzte Gast geht. Je nach dem, wie viele befreundete Aktivisten und gut aufgelegte Gäste gerade vor Ort sind, kann das spät werden. Sehr spät. Chiara zapft uns zwei Bier. Es steht »Becks« auf dem Zapfhahn, aber es gibt »Forst«. Aus Südtirol. Aus dem Rucksack hole ich eine Flasche Pfeffi. Den Guten natürlich, für unter vier Euro. Jan sagte mir, dieser sei hier sehr beliebt, seitdem er den Italienern erläutert hatte, dass der giftgrüne Pfefferminzlikör in Deutschland auch als »Skinheadzahnbürste« bezeichnet wird. Schnell stehen wir in einer kleinen Gruppe um den Pfeffi und stoßen an, kommen ins Gespräch. Ein weiterer Franzose, um die 30, kommt dazu. Er arbeitet als Grafikdesigner. Neben mir ein Italiener mit handfestem und beneidenswertem Schnäuzer, der gerade seine Schicht im Testa di ferro beendet hat. Dies ist eine nonkonforme Buchhandlung, die nur eine Straße weiter täglich geöffnet hat. Es ist wie ein Taubenschlag. Ständig kommen und gehen Leute. Mindestens die Hälfte scheint irgendwie dazuzugehören, begrüßen andere Gäste mit den typisch italienischen Wangenküsschen oder einem beherzten gegenseitigen Unterarmgriff. Vor der Bar braust der Feierabendverkehr vorbei. Es wird gehupt und geschimpft, Leute rufen sich Grüße zu. Mit einem Bier in der Hand schaue ich die Straße runter. Die Via Giovanni Lanza kreuzt einige hundert Meter weiter unten die Via Cavour, die direkt auf die Via dei Fori Imperiali zuläuft, die das Kolosseum mit der Piazza Venezia und der römischen Altstadt verbindet.

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Direkt vor der Bar liegt eine kleine Kirche, die durch die letzten Sonnenstrahlen in gleißendes gelbes Licht getaucht wird. Séb bringt eine Runde Sambuca raus. Wir sind heute seine Gäste, sagt er. Überhaupt merkt man das Herzblut und die Leidenschaft aller, die hier mitwirken. Beeindruckend, dass ein solcher Ort sich hält. Was auch daran liegt, dass ständig befreundete Leute sich aufmachen, hier einen Espresso, einen Aperitif oder ein Bier zu trinken. Einen Plausch zu halten, fast täglich. Klar, die Betreiber müssen von diesem Betrieb leben. Aber man spürt, dass es mehr ist als eine normale Bar. Allein die Preise sind ungewöhnlich niedrig für diese Gegend. Und ständig kredenzen Chiara und Pierre ihren Gästen kleine Snacks, toasten die handbelegten Focaccias und verteilen sie auf den Tischen. Ohne Aufpreis. Praktisch, denn so brauchen wir nirgends zum Essen hin und können uns weiter den Drinks widmen. Es wird dunkel, aber im Carré steigt an diesem Dienstagabend die Stimmung. Wir machen uns einen Spaß daraus, laut die ulkigsten Schlager aus Deutschland, Italien und Frankreich aufzudrehen.

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Etwa kurz vor Mitternacht betreten zwei Mädels den Laden, vom Typ her eine nicht unattraktive Mischung aus Perlenpaula und typischem Studentenlook. Sie wissen nicht, dass wir sie verstehen, während sie sich fragen, ob sie hier wohl noch etwas zu trinken bekämen. Die meisten anderen Bars in der Gegend sind längst geschlossen. Die eine bestellt auf Englisch zwei Gläser Weißwein. Jan hat Chiara ein Zeichen gegeben, dass es Deutsche sind, vermutlich eher etwas links angehauchte Erasmus-Mädels. Chiara legt Helene Fischer auf und ich frage die Blonde der beiden etwas stumpf und auf Deutsch, woher sie seien. »Ist mein Englisch so schlecht, oder wie kommst du drauf, dass wir aus Deutschland sind?«, fragt sie etwas angesäuert. »Ich hab’s an deinen Birkenstock erkannt«, erwidere ich und wir schauen uns schweigend an. Die Situation ist so absurd, dass wir beide schmunzeln müssen, wobei nicht ganz klar ist, ob sie es lustig fand oder angecreept ist. Natürlich trug sie keine Sandalen, aber irgendwie schien das Eis zu brechen. Weil mein Kumpel sich in einer italienischen Stehrunde verquasselte, hockte ich mich zu den beiden Mädels, die tatsächlich auch hier studierten. Chiara wechselte die Musik und spielte eine Playlist mit italienischer Musik auf, die einige Gäste zum Tanzen animierte. Es war weit nach Mitternacht, aber noch immer war der Gastraum gut gefüllt und eine unvergleichliche Atmosphäre euphorisierte mich. Wir tranken mittlerweile Wein aus Flaschen, aber ich hielt mir als Hauptgetränk Bier. Das Gespräch mit der Erasmus-Studentin vertiefte sich etwas, während wir noch zu zweit in der kleinen Sitzecke auf der Holzbank saßen, seit ihre Freundin sich die Hoheit über die Musik erkämpft hatte. Jan stolperte an unseren Tisch und klopfte zum Abschied auf den Marmor. Ossi-Angewohnheit, denke ich, während mir auffällt, dass er ganz schön ramponiert scheint von dem vielen Sambuca. Aber er reißt sich zusammen und winkt mir zu, als wolle er mir etwas sagen. Ich gehe kurz zu ihm und er erklärt mir lallend den Weg zu einer kleinen Brücke, von der aus man einen freien Blick auf das beleuchtete Kolosseum habe. »Da küsst dich jede!« meint er – und verabschiedet sich mit dem Hinweis auf seine Prüfung um neun in der Früh in die Nacht. Ich eröffne Mara, so ihr Name, die Idee mit dem Kolosseum. Dummerweise sitzt aber ihre Freundin wieder am Tisch, aber die macht glücklicherweise die Biege.

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Mara und ich gehen die paar Meter die Straße runter, durch einen malerischen Treppenaufgang und noch einmal um ein paar Ecken. Tatschlich. Die Brücke mit kleinen Sitzbänken. Von hier aus sieht es aus, als schwebe man auf halber Höhe vor dem Kolosseum, das spektakulär beleuchtet ist. Chiara hatte uns eine Fasche Weißwein und Plastikbecher mitgegeben, aus denen wir weiter Chardonnay trinken. Es ist kühl geworden, aber wir verlieren uns in den magischen Blick auf dieses fast zweitausend Jahre alte Monument. Wir starren einfach so drauf, bis mein Gehirn aussetzt und ich mich etwas näher an Mara heranstelle, meinen Arm um sie lege und sage: »Das ist so romantisch, da müsste man eigentlich rummachen.« Sie dreht sich zu mir und lacht. »Boah, ist das stumpf. Aber ja, eigentlich schon.« Es ist ein komisches Küssen, weil es sich nicht so anfühlt, als hätten wir uns gerade erst kennen gelernt. Aber ich merke, dass ich die Augen offenhalten muss, weil mir sonst viel zu schwindelig wird. Und ich so dringend aufs Klo muss, dass ich nicht weiß, ob ich es weiter halten kann. Nach einer gefühlten Ewigkeit schauen wir uns an. Mara verabschiedet sich, ihr Nachtbus kommt. Zufälligerweise muss ich in denselben Bus und wir fahren noch einige Stationen, bevor ich aussteige. Als ich ausgestiegen bin, merke ich, wie betrunken ich bin, aber das auch der Kater schon einsetzt, weil ich wegen der ganzen Knutscherei nicht mehr genug Wein nachgefüllt habe. Und ich merke, dass wir nicht einmal Nummern oder sowas ausgetauscht haben. Als ich so auf den menschenleeren Circus Maximus schaue und zwischen den Gedanken schwanke, ob ich der dümmste Mensch der Welt bin und wo ich nun zu meinem Hostel finde, bemerke ich, dass ich wirklich der dümmste Mensch der Welt bin. Mein Rucksack ist weg. Offenbar gestohlen worden, während ich mit Mara in Romantik versunken war. Ich winke ein Taxi ran und fahre zurück zu der Brücke. Aber nichts. Alles weg, keine Spur von meinem Rucksack. Nur ein paar illegale Händler stehen noch rum, die ich verdächtige, die Gelegenheit genutzt zu haben. Kurz überlege ich, einen von ihnen zur Rede zu stellen, der mich blöd anglotzt. Ob ich einen Kampf anfangen soll oder ihn ausquetschen. Aber ich erkenne die Sinnlosigkeit und sinke auf die Sitzbank, wo ich zuvor mir Mara saß. Die Uhr zeigt mittlerweile halb sieben, Morgengrauen. Mir kommt ein Geistesblitz und ich stapfe zurück. Zurück entlang der kleinen Ecken, vorbei an der prächtigen Ingenieurswissenschaftlichen Fakultät und mittendurch den malerischen Treppenaufgang, die Via Giovanni Lanza hoch.

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An der Ecke sehe ich das Carre Monti wieder, während die aufgehende Sonne mir wärmend in den Rücken scheint. Es hat offen. Pierre lächelt mich an. »Tough night?«. Ich nicke und bestelle einen doppelten Espresso. Während Pierre den frischen Espresso aufbrüht, schaue ich in die gleißende Morgensonne, die über der kleinen Kirche in den Himmel steigt. Pierre serviert den Kaffee und fragt auf akzentgeschwängertem Deutsch, ob ich dazu noch etwas haben möchte. »Ja«, sage ich. »Und ein Bier. Ein Bier und einen Sambuca.« Viva il Carré Monti!

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Durch die Corona-Pandemie, die in Italien besonders krass wütet, und die anhaltende Ausgangssperre (inkl. Schließung aller Lokale), steht das Carré Monti derzeit vor dem wirtschaftlichen Ruin. Wir wollen das Lokal retten – und verkaufen daher ein Soli-Shirt. Jeder einzelne Cent (!) geht direkt ans Carré Monti. Daher: keine Ausreden, zugreifen und mithelfen!

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