Ukraine-Tagebuch (III) – Visitukraine.today

27.02.2022, an der Grenze Slowakei/Ukraine, Lemberg

Wir sind die ersten Gäste im Frühstücksbereich unseres Hotels. Doch obwohl wir Deutsche sind und natürlich gerne Klischees erfüllen würden, wollen wir weniger Handtücher auf Stühle legen als einfach möglichst schnell loskommen. Deswegen finden wir uns bereits um Punkt 7 Uhr morgens bei Kaffee und Rührei ein. Dekoriert ist das ganze Restaurant mit eisernen römischen Figuren: hier ein lebensgroßer Gladiator, dort ein Kronleuchter aus Legionärsschildern und Speeren. Unser Frühstück nehmen wir dabei unterhalb eines imperialen Adlers, gesäumt von zwei Fasces, ein.

Doppelte Fasces = doppeltes Glück?

Essen, auschecken, los! Über Landwege geht’s zum von uns ausgewählten Grenzübergang. Der Weg führt durch zahlreiche Dörfer, was mir anschaulich die bereits aus Büchern bekannten Unterschiede in der jeweiligen Dorfkultur der Völker vor Augen führt. Während in unserem Raum Dörfer ringmäßig um einen Kern erbaut wurden, sind die Häuser hier perlenschnurartig anhand der Straße aufgereiht. Beides mag sein Für und Wider haben, die Möglichkeit, problemlos mit hohem Tempo durch Letztere zu fahren, macht sie als Durchfahrtorte jedoch weitaus attraktiver.

Trotz solcher – kulturell bedingten – Möglichkeiten der hohen Geschwindigkeit brauchen wir länger an die Grenze als gedacht. Zu sehen bekommen wir sie an dem von uns ausgewählten Punkt jedoch nicht, denn zwei durchaus freundliche Polizisten stoppen uns und die diversen Autos mit ukrainischem Nummernschild, die vor und nach uns fahren, noch zuvor. Auf unsere Erklärung, dass wir in die Ukraine wollen, wirken sie zwar leicht überrascht, reagieren jedoch nicht mit Entsetzen oder versuchen, uns gar davon abzuhalten – ein gutes Zeichen. Sie schicken uns schließlich nur an einen anderen Grenzübergang, weil es hier sehr lange dauern würde. 

Rückansicht der freundlichen Polizisten. Im Hintergrund: Ein ukrainisches Fahrzeug, das denselben Weg wie wir zurück in die Ukraine nehmen wollte. Ob es solche Bilder auch aus Syrien und Co. gab?

Also: Umdrehen, Straße zurück und zum besagten Punkt. Unterwegs kommt uns der Grund für die erwartete lange Dauer in Form eines Diplomatenfahrzeuges samt großer Begleitung und diversen Militärfahrzeugen entgegen. Wir machen Platz für das Blaulicht, fangen Schnappschüsse ein und setzen unsere Fahrt fort.

Gegenverkehr.

Knapp eine Stunde später sind wir am richtigen Grenzübergang und auch hier scheinen die Polizisten uns nicht auszubremsen. Im Gegenteil: Man will uns schnellstmöglich loswerden. Mein Kollege war bereits ausgestiegen, um Fotos zu machen. Auf meine Frage, ob ich hier oder dort kurz anhalten könnte, bis er wieder da sei, wurde ich aber hektisch weiter Richtung Grenze befohlen. Statt am vereinbarten Ort zu halten, muss ich also weiterfahren. Im Schritttempo durch entgegenkommende Flüchtlinge fahrend, suche ich also im Menschengewirr mit einem Auge nach meinem Freund und mit dem anderen achte ich darauf, keine ukrainische Familie über den Haufen zu fahren.

Ukrainische und nicht ganz so ukrainische Flüchtlinge überqueren die Grenze.

Ihn zu verlieren, das wäre suboptimal. Glücklicherweise findet er mich und die letzten Meter bis zum Grenzübergang sind wir wieder zu zweit im Auto. Dort müssen wir nur kurz warten, bis wir an der Reihe sind. Sonderlich viele sind es nicht gerade, die in die Ukraine wollen. Die kurze Wartezeit wissen die slowakischen Grenzer dafür auszugleichen: Unsere Abfertigung dauert etwa fünf Mal so lange wie die aller anderen, Kofferraumkontrolle inklusive. Während also immer wieder Grenzer mit unseren Pässen hin und herlaufen und verschiedene, wohl höherrangige Beamte auch ihren Weg zu uns finden, können gleich mehrere Autos auf den anderen Spuren nacheinander abgefertigt werden. Hier also würde die Stunde der Wahrheit kommen: Können wir raus oder nicht?

Der Bundesregierung liegen Erkenntnisse über »Aufenthalte deutscher Rechtsextremisten in der Ukraine oder Russland vor«, wie es in einer Antwort auf eine »Kleine Anfrage« hieß.

Die Wartezeit ist lang. Irgendwann aber kommt tatsächlich ein Grenzer zurück und händigt unsere Papiere aus. Geschafft! Doch nur für rund 50 Meter, dann sind die ukrainischen Kollegen der slowakischen Grenzer dran. Und dann kommt, was wir beide irgendwie bei den Einreisebestimmungen übersehen haben müssen: Wir brauchen eine Corona-Versicherung. Genesen, geimpft, was auch immer, alles schön und gut, aber wir brauchen eine Versicherung. Unsere Krankenversicherungen reichen nicht, es muss eine spezielle Anti-Corona-Versicherung sein. Wo kriegt man die? Visitukraine.today! 

Na dann, schließen wir halt eine ab. Was an sich ein Procedere von fünf Minuten ist, soll bei uns fast zwei Stunden dauern. Mobilen Datenempfang haben wir beide gar nicht, ich kann nur den schwachen Empfang des offenen WLAN-Netzwerks des fernen (und geschlossenen) Duty-free-Shop nutzen, das mich aber alle 15 Minuten wieder rausschmeißt und eine lange neue Anmeldung erfordert. Nachdem das Abschlussformular beim letzten Schritt zudem noch beim Wechsel zum E-Mail-Postfach, um den zugesendeten Code kopieren zu können, abbricht, geben wir entnervt auf. Aber: Ein Anruf in Deutschland bei unserem Auftraggeber, die Durchgabe aller nötigen Daten und etwa 20 Minuten später haben wir die PDF-Nachweise unserer Versicherung auf dem Telefon. Digitalisierung entlastet die Bürokratie? Von wegen …

Die Grenzbeamten geben sich nun endlich zufrieden und wir können los. Wer also zukünftig in ein Kriegsgebiet reisen will, sollte aufpassen, ja die richtige Grippeversicherung dabei zu haben, denn sonst könnte es Schwierigkeiten geben. Nicht der einzige bürokratische Wahnsinn einer Nation im Krieg um ihre Unabhängigkeit, den wir noch erleben werden …

Aber weiter geht’s: Geld wechseln, einzelne Bilder der Flüchtlinge diesseits der Grenze, dann weiter, endlich weiter. Vorbei an kilometerlangen Autoschlangen gehört die Straße die ersten Kilometer quasi uns, denn auf unserer Fahrbahn fährt abseits einzelner entgegenkommender Geisterfahrer mit Warnblicklicht niemand. Empfang bekommen wir immer noch keinen, die Meldung der geglückten Einreise kann ich noch an den Auftraggeber und den wartenden Kameraden in Lemberg schicken; nun müssen wir uns wieder offline zurechtfinden. Durch tiefe Täler und schneebedeckte Bergkuppen nähern wir uns Kilometer um Kilometer Lemberg. Die Weite des Raums nutze ich zur Freiheit der Auslegung der Verkehrsregeln. Da bislang keine Kampfjets über uns donnern oder Hubschrauber um uns herum kreisen, muss man ja ein Substitut für die notwendige Dosis Adrenalin finden. Meinen Mitfahrer kann das allerdings nur mäßig begeistern.

Allzu lang am Stück kann ich die selbst zugesprochene Freiheit nicht ausnutzen, denn die ersten Checkpoints kommen schnell. In regelmäßigen Abständen gibt es solche Haltestellen auf der Straße mit Kontrollen der Pässe und des Autos. Teils sind es Polizisten, teils Soldaten, meist aber nur zivile Helfer in Warnwesten. Manche dieser Checkpoints sind festungsartig ausgebaut, andere einfach offen auf der Straße oder höchstens durch Reifenberge geschützt. Durch mehrere werden wir, vermutlich ob des deutschen Nummernschildes, einfach durchgewunken, dennoch sollten wir allein an diesem Tag sieben Mal kontrolliert werden. 

Gedenktafel für ukrainische Gefallene.

Die erste Kontrolle haben wir freilich nicht einem der Checkpoints zu verdanken, sondern uns selbst eingehandelt. Am Straßenrand fahren wir an einer großen Tafel mit Bildern von gefallenen Soldaten samt einer ukrainischen Fahne und einer rot-schwarzen Kriegsflagge vorbei. Kaum ist mein Begleiter ausgestiegen und schießt die ersten Fotos, schon hielt ein ziviles Fahrzeug mit ungarischem Nummernschild. Heraus springen drei Soldaten, die alles andere als erfreut über unsere journalistische Tätigkeit wirken. Nach einer kurzen Erklärung, wer wir sind, was wir machen und einigen sicherheitshalber eingestreuten Slawa Ukrajini! haben wir die Sympathien der Männer aber auf unsere Seite gezogen. Dass einer von ihnen gebrochen Deutsch spricht, ist sicherlich eine zusätzliche Hilfe, doch trotz des glimpflichen Ausgangs ist es ein Vorgeschmack auf einen neuen Begleiter gewesen: Hysterie um Spionage und Saboteure. Nun haben wir also schon zwei davon im Schlepptau, mal sehen, wie voll wir die Karre noch bis zum Ende unserer Reise kriegen.  

Vor einer schon routinemäßigen Kontrolle mache ich noch Witze über Kleinbürger, die sich in Warnwesten sehr wichtig nehmen – und natürlich geraten wir prompt an die ukrainische Version eines solchen. Während sich die Kalaschnikow-behängten Soldaten nicht für uns interessieren, kommen wir diesem nun sehr wichtigen Mann verdächtig vor. Schnell findet sich ein ganzer Zug ziviler Helfer an unserem Auto ein, die alles genau überprüften. Von meiner Jacke (»Welches Patch hast du da dran?« Es war das aufgestickte Markenzeichen …), über die Frage, für welche Medien wir arbeiten (sie googeln tatsächlich den Jungeuropa Verlag, der hiermit offiziell Ukraine-Krieg-Checkpoint-tauglich ist) bis zur Frage, wo unser Baby sei. Baby? Welches verfickte Baby? »Na ihr habt doch einen Babysitz!« Offensichtlich ist unsere Überraschung und Verwirrung, ob der Frage, samt des spontanen Blicks auf die Rückbank, so glaubhaft, dass er genauer hinsieht und seinen Fehler erkennt: Der »Babysitz« – ein blauer Rucksack.

Nun gut, auch dieses Verhör meistern wir souverän und können unseren Weg fortsetzen. Während die Straßen in erstaunlich gutem Zustand und weitestgehend frei sind, warten am Ende aufgrund des letzten Checkpoints noch einmal fast zwei Stunden Wartezeit in Lemberg auf uns; genau das, was man am Ende eines solchen Tages noch braucht. Genervt und müde überstehen wir aber auch dieses letzte Hindernis und sind endlich am Ziel. 

Unterkommen können wir bei einem meiner ukrainischen Kameraden, der fließend Deutsch spricht und mir seit Jahren viele Male behilflich war. Nennen wir ihn einfach Svat, denn Namen sind bekanntlich Schall und Rauch. Zum letzten Mal hatte ich ihn vor zwei Jahren gesehen und dementsprechend froh bin ich, ihn gesund und munter wieder zu treffen. Trotz unserer Müdigkeit sprechen wir noch lange über die Lage und versuchen, einen tieferen Einblick zu bekommen. 

Wir kommen bei Svat jedoch nicht einfach nur unter, sondern haben eine ganze leerstehende Wohnung für uns allein. Er wohnt ein Stockwerk oben drüber, gemeinsam sind wir mitten im Zentrum. Eine ideale Ausgangslage. Wie hilfreich uns Svat werden würde, werden wir in den nächsten beiden Tagen erfahren. Nun aber heißt es: Schlafen.

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