Ukraine-Tagebuch (IX) – Hooligans an der Front – Interview mit Andrij

03.03.2022, Kiew

🇬🇧 English version below.

Andrij ist einer von vielen Freunden, die nun mit der Waffe ihr Land verteidigen. Doch schon vor dem Krieg führte er ein nicht gerade pazifistisches Leben. Während in Europa die Stadionkultur teilweise durch kapitalistische Prozesse abstirbt (wie in England) oder immer mehr in den Sog von politischer Korrektheit und linken Ultragruppen gerät (so etwa in Deutschland), wird die Fanszene der Ukraine seit 2014 vom Krieg dominiert. Viele Ultras und Hooligans tauschten den Bengalo gegen das Gewehr, und gestern noch erbittert verfeindete Gruppen sind mittlerweile Kameraden. Während meines Aufenthalts in Kiew habe ich mit Andrij nicht nur über den Kampf um die ukrainische Hauptstadt gesprochen, sondern auch über die Rolle der ukrainischen Fußballszene in diesem Krieg.

Hallo Andrij, unsere Leser kennen dich ja bereits aus dem Tagebucheintrag »Festung Kiew«. Kannst du dich trotzdem vielleicht noch etwas näher vorstellen?

Mein Name ist Andrij, und schon als Kind war ich Anhänger von Dynamo Kiew, dem besten Club in Osteuropa. Dank des positiven Einflusses meiner Eltern habe ich aber von klein auf die Liebe nicht nur zu Dynamo, sondern auch zu meinem Land gelernt. Schon in der Schule war Geschichte mein Lieblingsfach, wo ich die Geschichte meiner Nation, meine Kultur und unseren harten Kampf um die Freiheit kennenlernte. Ich lernte also schon in jungen Jahren, wie wichtig Unabhängigkeit für uns ist.

Andrij im Trikot seines Vereins.

Inwieweit?

Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen unserer Geschichte und etwa jener Deutschlands, das lange eine starke Nation und ein Reich mit großer Ausstrahlungskraft war. Im Gegensatz zur Ukraine hatte Deutschland keine Identitätsprobleme. Man war zwar Bayer oder Preuße, aber immer auch Deutscher. In der Ukraine war das nach Jahrhunderten der Besatzung anders. Unsere Sprache war verboten, sogar ukrainische Literatur und andere Kulturgüter. Es wurde schlicht alles unterdrückt, was unsere Identität ausmacht und uns von Russen unterscheidet. Zum Verbot kam noch die Herabwürdigung, Ukrainisch wurde beispielsweise als »Bauernsprache« verächtlich gemacht. Immer mehr Menschen fingen deswegen an, sich als Russen oder Sowjets zu identifizieren. Dabei gehört der Name »Rus«, der ja bekanntermaßen auf die Kiewer Rus zurückgeht, eigentlich uns Ukrainern.

Die heutigen Russen waren eigentlich immer Moskowiter und haben die Bezeichnung »Rus« als integrierenden Namen für ihr Reich erst später übernommen. Mittlerweile haben viele Ukrainer damit begonnen, sich wieder als Rus im Sinne der Kiewer Rus zu identifizieren, einige gehen sogar wieder dazu über, die heutigen Russen als »Moskowiter« zu bezeichnen.

Wie war es vor dem Krieg um den ukrainischen Fußball bestellt? War er ein Breitensport oder führte er eher ein Nischendasein?

Dem ukrainischen Fußball ging es in den letzten Jahren nicht gut, und es ging permanent weiter bergab. Durch die Revolution und den Krieg im Donbass finden sich keine Investoren, und natürlich interessieren sich die Leute nicht so sehr für Fußball, wenn ihre Verwandten an der Front stehen und teilweise auch sterben. Zudem haben die ukrainischen Fangruppen 2014 einen Waffenstillstand geschlossen, weswegen es weniger »Erlebnisse« und spannende Auswärtsfahrten als vor dem Krieg gab. Davon abgesehen ist Fußball natürlich der bekannteste Sport in unserem Land. Unser Nationalsport ist aber Boxen.

Das Graffiti erinnert an einen gefallenen Kameraden und Sportsmann.

Viele Ultras und Hooligans kämpften bereits auf den Barrikaden des Maidans. Kannst du dazu etwas sagen?

Tatsächlich haben viele Fans aus dem ganzen Land die Revolution unterstützt. Die ersten Proteste waren noch von Studenten geprägt und wurden von der Polizei brutal niedergeschlagen, später standen aber Hooligans in der ersten Reihe. Auch in der Nähe des Dynamo-Stadions, unseres Stadions, kam es zu einer großen Auseinandersetzung. Viele Hooligans und Ultras haben dann Gruppen wie den Rechten Sektor oder das Nationalkorps unterstützt, teils auch in führender Position, oder haben als Freiwillige im Donbass gekämpft.

Aus dem Stadion an die Front.

Verschiedene Plattformen wie die Ukrainian Association of Football haben sich generell für unpolitisch erklärt. Was sagst du dazu?

Ich halte das für Unsinn, weil Fußball – wie jeder andere Sport – gar nicht unpolitisch sein kann. Dass es liberale Zensur gibt, ist das eine, aber niemand kann einem verbieten, stolz auf seinen Club zu sein. Wie kann man also verbieten, stolz auf sein Land zu sein? Daran ist nichts Schlimmes. Und deswegen müssen wir uns auch in Liedern, auf Transparenten, mit Fahnen und vor allem durch Taten dazu bekennen.

Warst du bereits vor dem Krieg Soldat?

Ich nicht, aber viele unserer Jungs von Dynamo.

Unterstützung aus der Kurve.

Und warst du in Kiew, als die Invasion begann?

Ja, und ich erinnere mich noch sehr gut an diese spezielle Nacht. Ich war gerade mit dem Auto unterwegs, als ich die ersten Raketen fliegen sah. Wir hatten uns schon lange darauf vorbereitet und diesen Ernstfall geprobt, deswegen wusste ich zum Glück genau, wohin ich zu gehen und was ich zu tun hatte. Wirklichen Hass auf die Invasoren empfand ich aber erst, als ich meine Familie evakuierte und die Furcht in ihren Augen sah.

Gibt es für dich eine Verbindung zwischen dem Leben als Ultra oder Hooligan und dem Kampf für dein Land?

In der Ukraine ist beides genau das Gleiche. Als Ultra oder Hooligan ist man auch Nationalist. Natürlich hat nicht jeder in der Kurve eine geschlossene politische Weltanschauung, aber alle wichtigen Persönlichkeiten haben eine, und wir vermitteln sie der Jugend. Für mich sind unpolitische Fußballgruppen einfach Unsinn, und ich mag diesen Habitus in Westeuropa nicht.

Es gibt nun viele Aktionen für die Ukraine von verschiedenen Ultra- und Hooligangruppen in Europa, etwa durch Spendensammlungen oder Banner in den Stadien. Was sagst du zu dieser Unterstützung?

Wir sind davon sehr beeindruckt, und wir werden uns an jeden einzelnen Unterstützer erinnern. Ich möchte auf diesem Wege auch jedem von ihnen danken. Das gibt uns eine Menge Kraft, und ich denke, dieser Krieg hat unsere Generation bereits jetzt für immer verändert.

Du hast mir einige Aufkleber von Dynamo Minsk gegeben, und viele Weißrussen kämpfen hier auf eurer Seite. Was kannst du zu eurer Verbindung zu Dynamo Minsk sagen?

Ja, es kämpfen viele von Dynamo Minsk mit uns. Wir hatten schon in der Vergangenheit guten Kontakt mit ihnen, aber keine offizielle Freundschaft oder dergleichen. Nun bringen aber die schwärzesten Zeiten auch die größten Leute hervor, und deswegen will ich nur das Beste über die Jungs von Dynamo Minsk sagen. An dieser Stelle möchte ich aber auch alle russischen Hooligans grüßen, die sich entweder still verhalten oder sogar Putin unterstützen. Ich freue mich schon darauf, jeden von euch einmal zu treffen, ob in Europa oder an jedem anderen Ort, an dem ihr euch treffen wollt!

Aufkleber von Dynamo Minsk.

Es kämpfen jetzt viele ukrainische Hooligans und Ultras nebeneinander als Kameraden in diesem Krieg. Was, denkst du, wird sich dadurch ändern?

Es hat sich bereits vieles geändert. Seit dem Sommer 2014 gibt es keine Kämpfe mehr zwischen den Gruppen, sondern wir kämpfen alle gemeinsam gegen den Feind. Aber wenn du meinst, ob wir nach diesem Krieg wieder gegeneinander kämpfen werden, dann denke ich: ja, weil es unser Lebensstil und unser Hobby ist. Wir verwenden aber keine Waffen, wir sehen es als Sport. Und deswegen finde ich das auch in Ordnung.

Was willst du zum Abschluss noch den europäischen Fußballfans sagen?

Ich will mich zuallererst noch einmal für die ganze Unterstützung bedanken. Und ansonsten wünsche ich mir, dass ganz Europa endlich aufwacht und sich daran erinnert, was es ist und was seine Wurzeln sind. Wir haben bereits begonnen, diesen Weg zu gehen, und ich hoffe, dass ganz Europa folgen wird.


Ukrainian Diary (IX): »This war has already changed our generation for good«

Andrij is one of many friends who have picked up arms to defend their country now. But he did not exactly lead a peaceful life before the war, either. While stadium culture is dying off due to capitalist machinations in parts of Europe (such as England) or mired in political correctness and ruled over by leftist ultras groups (e.g. in Germany), the Ukrainian football subculture has been dominated by war ever since 2014. Many ultras and hooligans traded their Bengal lights for rifles, and groups that used to be bitter enemies are comrades now. During my stay in Kiev, I have talked with Andrij not only about the battle for Ukraine’s capital but also about the Ukrainian football scene’s role in this war.

Hi Andrij, our readers already know you from the diary entry »Fortress Kiev«. Nonetheless, would you please introduce yourself some more?

My name is Andrij, and ever since I was a child, I have been a fan of Dynamo Kiev, the best club in Eastern Europe. Thanks to my parents’ positive influences though, I learned to love not only Dynamo but also my country. In school, history was my favorite subject, and I got to know my nation’s history, my culture, and our tough struggle for freedom. So I have learned from an early age how important our independence is to us.

Andrij.

Please elaborate.

I think there is a huge difference between our history and that of, say, Germany, which has been a strong nation and an empire with immense influence for a long time. Other than Ukraine, Germany never had any identity problems. One could be a Bavarian or a Prussian, but they always were Germans as well. In Ukraine, after centuries of occupation, this was different. Our language had been banned, even Ukrainian literature and other cultural assets. Everything that gave us an identity and distinguished us from Russians was suppressed, plain and simple. And on top of the bans, there was the vilification – Ukrainian was decried as the language of the gutter, for example. Because of this, more and more people began to identify as Russians or Soviets. And yet, the name »Rus« – famously originating from the Kievan Rus’ – actually belongs to us Ukrainians! Today’s Russians always used to be Muscovites and adopted the name Rus only later, as an integrative name for their empire. By now, many Ukrainians have begun to identify as Rus in the original sense again, and some even refer to today’s Russians as Muscovites again.

What was Ukrainian football like before the war? Was it a popular sport or rather marginalized?

Ukrainian football has been in bad order for the past few years, and it got worse steadily. There are no more investors available due to the revolution and the Donbas war, and people are less interested in football when their loved ones are fighting and dying, of course. Furthermore, the Ukrainian fan groups declared an armistice in 2014, so there are fewer »events« and exciting away game journeys than before 2014. Apart from this, football is obviously the most well-known sport in our country. Our national sport is boxing, though.

The graffiti commemorates a fallen comrade and sportsman.

Many ultras and hooligans manned the Maidan barricades already. Is there anything you can say about that?

Many fans from all over the country did indeed support the revolution. The first protests had been led by students and were brutally suppressed by police, but later, hooligans manned the front line. There was a large brawl close to Dynamo’s stadium, our stadium, as well. After that, many hooligans and ultras went on to support groups like Right Sector and National Corps, even in leading positions, or fought as volunteers in the Donbas.

From the stadium to the front.

Various organisations like the Ukrainian Association of Football have declared themselves generally apolitical. What do you think about that?

I think that this is nonsense because just like any other sport, football simply can not be apolitical. Liberal censorship is one thing, but no one can ban you from being proud of your club. So how do they want to ban you from being proud of your country? There is nothing wrong with that. And that is why we have to pledge ourselves to our country in songs, on banners, with flags, and – above all – by deeds.

Have you already been a soldier before the war?

I have not, but many of our Dynamo guys have.

Support from the curve.

Have you been in Kiev when the invasion began?

Yes, and I still remember this special night very well. I was driving in my car when I saw the first few missiles incoming. We had been preparing and training for this case for a long time, so I fortunately knew exactly where to go and what to do. I did not feel any real hatred for the invaders though, up until the moment I evacuated my family and saw the fear in their eyes.

Do you think there is a connection between living as an ultra or a hooligan and fighting for your country?

In Ukraine, that is exactly the same. When you are an ultra or a hooligan, you are a nationalist as well. Of course, not everyone in the curve is politically motivated, but all important figures are, and we teach the young ones to be. To me, apolitical football groups are just ridiculous, and I dislike this trend in Western Europe.

There are lots of support initiatives for Ukraine by various ultras and hooligan groups all over Europe now, like fundraisers or banner drops in stadiums. What do you think about this support?

We are very impressed by it and will remember each and every supporter. I would like to express our gratitude to all of them. This support conveys a lot of strength, and I think that this war has already changed our generation for good.

You gave me some Dynamo Minsk stickers, and there are a lot of Belarusians fighting on your side. What is there to know about your connection to Dynamo Minsk?

Yes, there are a lot of Dynamo Minsk guys fighting with us. We have had a good relationship with them in the past, but no official friendship or anything. Now, the worst times produce the best people, and because of that, I wish to say only the best about the boys of Dynamo Minsk. And while we are at it, I would like to greet all Russian hooligans as well who might be silent or even support Putin. I am already looking forward to meeting you, be it in Europe or anywhere else you would like to meet!

Dynamo Minsk stickers.

Many Ukrainian hooligans and ultras are fighting side by side in this war. Do you think things will change because of this?

Things have changed a lot already. Ever since the summer of 2014, there have been no more fights between the groups. Instead, we all fight the enemy together. But if you asked whether we would fight each other again after the war, then I would say yes, because that is our way of life and our hobby. We do not use weapons, though, we think of it as a sport. And because of that, I think it is alright.

To wrap things up, what would you like to tell the European football scene?

First of all, I want to thank all of you for the great support once more. Besides that, I wish for Europe to finally wake up and remember its identity and its roots. We have already started down this path, and I hope that all of Europe will follow.

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