Ukraine-Tagebuch (VII) – Highway to Kiev

02.03.2022, Richtung Kiew

Wir stehen früh auf, packen alles zusammen und verabschieden uns von Svat. Als ersten kleinen Dank lassen wir ihm Natiokratie mit einer Widmung von uns zur Erinnerung da. Unser Weg soll nicht über Schytomyr, sondern südlich davon verlaufen. Auf einer Livekarte im Internet ist für unseren Ort ein Totenkopf verzeichnet, was ich feixend an diverse Freunde schicke.

Mittlerweile hat sich die Kunde von meinem Fronturlaub vom bürgerlichen Leben bei meinen Freunden und Kameraden verbreitet und entsprechende Nachrichten erreichen mich. Da die meisten sowohl einen ähnlichen Humor wie ich haben, als vielfach auch selbst alles andere als ein Spießerleben führen, erreichen mich zum Glück nicht Vorwürfe, sondern humoristische Antworten. Das verkürzt die Fahrtdauer auf der leeren Autobahn, jedenfalls gefühlt.

Immer gen Osten, Richtung Kiew.

Konkurrenz auf der Straße brauchen wir nicht zu fürchten und für die Checkpoints haben wir eine neue Strategie: Pässe heraushalten, einfach gar nichts sagen, kein Ukrainisch verstehen (was für uns eine leichte Aufgabe ist), so tun, als würde man kaum Englisch verstehen und immer wieder das ukrainische Wort für »Deutsche« sagen. Damit kommen wir problemlos durch, kontrolliert werden wir dabei von Heimatschutz, Polizei und Militär. Die meisten scheinen uns für Freiwillige zu halten, unser Äußeres und die entsprechenden Rucksäcke und Schlafsäcke sorgen sicherlich dafür. Sie wünschen uns Glück, schütteln die Hände, grüßen oder halten bei der Durchfahrt die Faust nach oben. Die ernsten Blicke und ehrlichen Wünsche rufen langsam Scham in uns hervor …

Für alle Fälle hatten wir uns alles, was an Dokumenten oder Papieren vorlag, ausgedruckt, auch unsere Anmeldung für die natürlich noch nicht angekommene Akkreditierung als Pressevertreter. In einem Fall sollten wir die tatsächlich auch brauchen, nämlich als ein misstrauischer Soldat unsere Visa-Stempel nicht finden konnte. Sein Verhalten schien nicht nur uns nicht völlig zu behagen, sondern auch seinen Heimatschutzkameraden gar nicht zu gefallen. Während ich mit dem Soldaten den Pass nach den Visa-Stempeln durchsuche, richtet ein mehr als grimmig aussehender Rentner aus nächster Nähe seine Kalaschnikow auf mich. Mein Vertrauen in die korrekte Sicherung und Handhabung seiner Waffe teilt sich mit seinem Gebiss denselben Status: nicht vorhanden. Was zunächst noch eine neue Situation sein sollte, wird im Laufe des Tages aber sehr schnell Gewohnheit. Unsere Vielzahl an mitgeführten Dokumenten, darunter allem Gedruckten, was wir im Lemberger Medienzentrum finden konnten, hat den misstrauischen Soldaten schließlich befriedigt und auch hier kommen wir weiter. 

Die Leute vom Heimatschutz, die einen Großteil der Checkpoints betreuen, rufen unfreiwillig Erinnerungen an den Volkssturm hervor. Erkennbar sind sie an einem gelben Streifen am Oberarm, teils aus Stoff, teils einfach ein Streifen gelbes Panzertape oder was auch immer gerade da ist. Alte und sehr junge Männer stehen solchermaßen gekennzeichnet hinter Barrikaden mit fragwürdigem militärischem Wert, viele von ihnen haben nur Jagdgewehre oder eine ähnliche, für den modernen Krieg unzureichende Bewaffnung. Von der restlichen Ausrüstung ganz zu schweigen.

Fotos gelingen nur einzelne, die Kamera ist die meiste Zeit zu auffällig, denn das Fotografieren von solchen Barrikaden ist strengstens verboten. Rund 150 km/h und Slalomfahrten um Schlaglöcher sind auch nicht unbedingt die besten Bedingungen für Fotografen. Während ich, Laptop auf dem Schoß, Berichte schreibe und versuche, heimlich vernünftige Bilder zu schießen, nähern wir uns im Eiltempo Kiew. Oft kann ich aber nur unauffällig mit dem Telefon ein Bild aufnehmen. Eigentlich wollten wir Schytomyr südlich umgehen, doch aus irgendeinem Grund fahren wir dann doch direkt an der kürzlich bombardierten Stadt vorbei und damit genau auf dem Autobahnabschnitt, vor dem alle uns gewarnt haben. Naja, jetzt lässt sich das auch nicht mehr ändern.

Eins der wenigen gelungenen Bilder: Befestigungen auf der Autobahn Richtung Kiew.
Und ein schnelles, weniger gelungenes Foto.

Waren bereits vorher wenige Autos mit uns unterwegs, gehört uns nun die Autobahn kilometerweise allein. Doch aus Reifen, Sandsäcken und anderen eilig herbei geschafften Gegenständen errichtete Befestigungen und erste Wracks begleiten unseren Weg zur ukrainischen Hauptstadt. Einige Dutzend Kilometer vor Kiew verlassen wir die Autobahn. Würden wir ihr weiter folgen, würden wir direkt durch die umkämpften Vororte Irpin und Buschta fahren, was uns nicht ratsam erscheint. Also runter von der Autobahn, rauf auf die Landstraße. 

Der letzte Autobahnabschnitt vor Kiew. 
Eins von vielen kaputten Autos am Wegesrand.

Streckenweise könnte man zur Vermutung gelangen, dass die Straße im Zielbereich der russischen Artillerie liegt, so gespickt ist sie von Schlaglöchern erstaunlicher Größe und Tiefe. Die Schlaglöcher sind aber nicht das Einzige, was unsere Fahrt verlangsamt. Jedes der Dörfer, die hier für ukrainische Verhältnisse in sehr dichter Folge kommen, hat seinen eigenen Heimatschutz mit eigenem Checkpoint. Wie oft wir an dem Tag kontrolliert worden? Haben wir genauso aufgehört zu zählen wie die Anzahl der auf uns gerichteten Waffen.

Die Heimatschützer geben aber nicht nur einen Einblick in die Volksbewaffnung der Ukraine, sondern erlaubten auch eine gewisse Studie der Dorfverhältnisse. So in einer der unzähligen kleinen Häuseransammlungen, in dem die uns kontrollierenden Männer sichtlich mit der Konfrontation zweier nicht Ukrainisch sprechender Deutscher überfordert sind. Mit der Lösung des Problems wird eine Art Dorfweiser beauftragt, der mit erheblicher Bauernschläue daran geht, herauszufinden, was es mit diesen Deutschen auf sich hat. Seine erste Amtshandlung ist es, uns mit seinen wenigen Brocken Englisch direkt vor eine der Barrikaden fahren zu lassen – von der aus, wie sollte es auch anders sein, gleich mehrere Gewehrläufe aus rund drei Meter Entfernung grimmig auf uns gerichtet werden.

Uns solchermaßen in Schach gehalten wissend, beginnt der Dorfweise sein Verhör, das mutmaßlich herausfinden soll, ob wir tatsächlich die beiden Personen auf unseren Reisepässen sind. Dass wir unseren Passbildern tatsächlich noch 1:1 entsprechen, scheint ihm weniger bedeutend, als dass wir unsere Namen und unser Einreisedatum wissen. Mit der Beantwortung dieser Fragen schien für ihn der Test bestanden zu sein, offensichtlich können russische Saboteure keine Passnamen und Einreisedaten auswendig lernen. Doch skeptische Fragen über den Sinn seiner Prüfmethoden unterlassen wir besser, sondern fahren lieber schleunigst aus dem Bereich der Jagdflinten heraus. 

Die Landstraße um Kiew herum: Neben uns endlose Weiten der berühmten schwarzen Erde, vor und hinter uns misstrauische Heimatschützer, Soldaten und Polizisten, und als treue Begleiter auf dem Weg: Panzersperren, Sandsackwälle und Reifenbarrikaden.

So mancher Kontrolleur beweist nicht nur großen Einfallsreichtum bei den Kontrollen, sondern sogar Humor. So etwa ein sehr böse aussehender Kontrolleur in Militärkleidung, der uns so ernst wie möglich im Ton auf Ukrainisch befragt. Wir können nicht viel verstehen, jedoch wenigstens die Frage »Pistole?« verneinen. Was er darauf sagt, verstehen wir noch viel weniger, außer, dass es um uns geht und dass wir Russen seien. Etwa fünf Sekunden schaut er uns nach dieser Feststellung mit allem ihm möglichen Ingrimm an, dann erst fängt er an zu lachen. Ein Scherz, den wir nicht ganz so lustig wie er empfinden, der sich scheinbar köstlich über seinen Streich amüsiert und uns, immer noch grinsend, weiterwinkt.

Wirklich interessant werden die Kontrollen erst mit Einbruch der Dunkelheit, wenn man die Checkpoints nicht bereits viele hundert Meter zuvor sieht, sondern angesichts der allgemeinen Dunkelheit mitten hineinfährt. Begleitet wird das plötzliche Auftauchen von Bewaffneten aus der Dunkelheit mit wütenden ukrainischen Rufen, die wir zwar nicht verstehen, von denen wir aber bald schon wissen, was sie heißen: Scheinwerfer aus, Licht im Auto an.

Mit dem Sinken der Sonne steigt die Schärfe der Kontrolle und das Misstrauen der Kontrollierenden. Hier kommt es zu mehr als nur einer Situation, die man als durchaus brenzlig bezeichnen kann. Einfach Pässe zeigen reicht mittlerweile nicht mehr aus, wir werden auf Waffen durchsucht, angeschrien und selbst unser Hotel angerufen, um unsere Angaben zu überprüfen. Aber nun gibt es keinen Weg zurück, denn langsam nähern wir uns unserem Zielort, einer frisch bombardierten Stadt südlich von Kiew. Endlich, kurz vor dem Beginn der Ausgangssperre, erreichen wir unser Hotel.

Hier kommt die erste Überraschung: Bevölkert wird es hauptsächlich von Journalisten. Wieder dieser westlerische Hipster-Verschlag, davon haben wir doch schon in Lemberg genug erlebt. Das Feierabendbier entfällt ebenfalls, für uns gibt es also neben einem lauwarmen Essen nur Kaffee. Koffein können wir nach insgesamt elf Stunden Fahrt gut gebrauchen, schließlich haben wir noch Texte zu schreiben.

Cappucino statt Bier und umzingelt von westlichen Journalisten – harte Arbeitsbedingungen im verdunkelten Hotel.

Wenigstens würde uns die Umgebung nicht sonderlich ablenken können, mit der Ausgangssperre geht auch die Pflicht zur Verdunkelung einher. Gebrochen wird diese nur von den Bildschirmen der Laptops und Smartphones der Journalisten, die für ihre Sender aus der ganzen Welt von hier aus berichten.

Eine aufheulende Sirene befreit uns aber von ihrer Gesellschaft, direkt mit dem Beginn des Luftalarms flüchten sie sich in den Keller des Hotels. So bleiben nur mein Kollege und ich samt der Betreiberfamilie im Restaurantbereich zurück. Während die Sirenen durch die Nacht heulen, erinnere ich mich unfreiwillig einer promimenten Szenerie bei Ernst Jünger. In seinen Strahlungen schreibt er über eine von dem Dach eines Hotels beobachtete Bombardierung von Paris: »Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Kuppeln und Türmen lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und überhöhte Macht.« Zwar sollte Jünger die Bombardierungen wohl dazu gedichtet haben, aber Literaturerfahrungen prägen nunmal die eigene Denke …

Auf Nachfrage verfügt das Hotel zwar über eine Dachterrasse, einen Zugang zu ihr gibt es aber nicht, von dem Jüngerschen Burgunder ganz zu schweigen. Also Pepsi und Sitzen im verdunkelten Erdgeschoss statt Burgunder und Pariser Dachterrassen – der ästhetische Gesichtspunkt geht klar an Jünger. Mit diesen Betrachtungen beende ich meinen Text und lege mich schlafen – immerhin bis zum nächsten Luftalarm, zwei Uhr nachts. Morgen geht es rein nach Kiew.

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