»Waffenbrüder«: Finnland, Deutschland, Europa

Unsere neue Novelle Waffenbrüder knüpft dort an, wo Die Kadetten des Alcázar endeten – im Mythos gewordenen Kampf der Völker Europas gegen äußere wie innere Feinde. Viele Leser haben sich gewünscht, dass wir – so wie seinerzeit bei den »Kadetten« – das Vor- bzw. Nachwort des Buches hier veröffentlichen. Nachfolgend also Volker Zierkes gekürztes Nachwort zu Waffenbrüder (hier bestellen).

»Der Klang deutscher Soldatenstiefel auf den Straßen ist für uns Finnen immer noch der Klang der Freiheit.« Dieser Satz stammt aus dem Mund eines finnischen Offiziers, eines Majors, wenn ich mich recht entsinne. Es ist der 27. Februar 2016, der Anlaß eine Feierlichkeit, die im Taschenkalender eines jeden finnischen Soldaten groß markiert ist. Und in jedem finnischen Soldaten steckt bis heute, möchte ich meinen, ein deutscher Kern.

Um Waffenbrüder von Viljo Saraja einordnen zu können und zu verstehen, wie Finnland auch in der Neuzeit noch mit uns Mitteleuropäern verbunden ist, um das Band zwischen Finnen und Deutschen im besonderen aufzuzeigen, halte ich es für dringend geboten, die Geschichte des Winterkrieges, aber auch die Geschichte der finnischen Nation insgesamt einmal genauer zu betrachten. Denn am Beispiel der Staatswerdung Finnlands – wie auch im Falle des Spanischen Bürgerkrieges – zeigt sich, daß die Details für den deutschen Bundesbürger im Nebel der Vergessenheit verlorengegangen sind.

Also: Am 25. Februar 1915, das heißt: wenige Monate, nachdem der Flächenbrand des Weltkrieges in Europa losgebrochen war, sammelt sich in Norddeutschland eine merkwürdige Truppe. Es sind diejenigen Mitglieder eines kleinen Volkes an der Peripherie des Kontinentes, die ebenfalls ihren Teil zur Geschichte beitragen möchten. Offiziell handelt es sich um die Teilnehmer eines Pfadfinderkurses, der so heißt, weil es eben nicht anders geht. Denn Finnland ist zu diesem Zeitpunkt Teil des russischen Zarenreiches, aber die Einwohner dieses Landes zwischen der Ostsee und dem Nordpolarkreis wollen Freiheit, Unabhängigkeit von Moskau. Einige Finnen, unter ihnen ein gewisser Carl Gustaf Emil Mannerheim, leisten ihren Militärdienst in der russischen Armee ab. Andere agieren im Geheimen, wieder andere fliehen: nach Schweden oder etwa ins Deutsche Reich, wo der Freiheitswille der Finnen auf Sympathie trifft. Deutschland befindet sich im Krieg mit Rußland und kann Soldaten gebrauchen, die Finnen hingegen wollen kämpfen – gegen den Zaren. An wessen Seite, ist erst einmal egal. Und so kommt es, daß sich im Februar 1915 frische, blonde, junge Männer im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt (damals: Lockstedter Lager) einfinden, wo das preußische Heer einen Truppenübungsplatz unterhält. Zuerst, wie gesagt, als Pfadfinder getarnt (die Finnen fürchten Repressionen in der Heimat), später dann als Teil der Armee und mit dem offiziellen Namen Königlich-Preußisches Jäger-Bataillon Nr. 27 ausgestattet, lassen sich die tapferen Finnen zu Soldaten ausbilden. Und alles, was später – nach dem Weltenbrand und nach dem blutigen Bürgerkrieg – Rang und Namen in der finnischen Armee haben wird, trägt meist ein Eisernes Kreuz mit Eichenlaub und der Nummer 27 auf der Brusttasche der – nicht von ungefähr preußisch wirkenden – Uniform. Nur Mannerheim natürlich nicht, der Kopf hinter der finnischen Freiheit und auch der Befehlshaber im Winterkrieg, dem Handlungsrahmen des vorliegenden Bandes. Denn diese im russischen Militär hochgekommene Lichtgestalt der finnischen Geschichte spricht die Sprache ihres Volkes nur sehr schlecht.

Der Bucheinband, Klappenbroschur.

Die finnischen Jäger als Keimzelle der bis heute bestehenden finnischen Armee haben am sukzessiven Sieg im Bürgerkrieg einen sicher ähnlich großen Anteil wie die deutschen Soldaten, die im April 1918 im von den Roten Garden gehaltenen Süden des Landes anlanden. Innerhalb eines Monats gelingt es den Deutschen gemeinsam mit Mannerheim, der nun zum obersten Befehlshaber der Weißfinnen aufgestiegen ist, die Roten vollständig zu besiegen.

Dies also ist der Grund für den Ausruf des finnischen Majors, der mir hier in Hohenlockstedt gegenübersteht, wo wir beide den Beginn dieser wunderbaren Geschichte feiern. Heute ist es freilich düster, es ist Winter, und statt einer strammen Bundeswehrabordnung lungern nur zu dicke Reservisten und zu dünne Studenten der Bundeswehr-Universität Hamburg vor dem Ehrenmal unter dem grauen, holsteinischen Himmel herum. Die Finnen freilich sind trotz der Distanz zahlreich erschienen, viele hochrangige Militärs stehen bei uns, ein paar Diplomaten aus Berlin, und natürlich hat man es sich auf finnischer Seite nicht nehmen lassen, die noch lebenden Veteranen der Wehrmacht und Waffen-SS einzuladen. Die neue deutsche Mentalität ist an den Brüdern von damals offensichtlich spurlos vorbeigezogen. Der Klang deutscher Stiefel auf den Straßen bleibt für die Finnen der Klang der Freiheit, egal, was der Bundesbürger heute davon hält. Und auch die Geschichte des finnischen Freiheitskampfes könnte hier, im Jahr 1918, enden mit dem finnischen Königreich, einem Monarchen aus hessischem Hause auf dem Thron in Helsinki und der deutsch-finnischen Brüderlichkeit. 

Dann wenig später, am 30. November 1939, sprechen erneut die Gewehre, Kanonen und Granaten. Finnland ist auf sich allein gestellt, wie der Protagonist der Novelle mehrmals beklagt. Die westlichen Demokratien schauen weg, denn sie fürchten eine Konfrontation mit der Sowjetunion, die ja in Kürze zur Bündnispartnerin werden wird. Die Unterstützung aus dem bürgerlichen Ausland für die Weißen im Russischen Bürgerkrieg war ja bereits bescheiden geblieben, und sobald die Lage zu aussichtslos geworden war, hatte man sich ohnehin aus der Affäre gezogen. Die Vereinigten Staaten von Amerika gewähren jetzt zwar Kredite, und britische Doppeldecker und französische Jagdflugzeuge werden nach Helsinki verschifft, aber Truppenkontingente im entscheidenden Ausmaß will niemand senden. Lediglich die skandinavische Solidarität ist in Ansätzen zu erkennen. Nein, die Finnen müssen sich auf sich selbst verlassen und auf Gott. 

Denn obwohl der Winterkrieg nach heftigen Auseinandersetzungen bereits wenige Monate nach Beginn, im März 1940, endet, ist jedem Finnen (und auch anderen aufmerksamen Beobachtern) klar, daß auch dieser Friede nur von kurzer Dauer sein wird. Europa soll einmal mehr brennen – und der neuerliche Weltkrieg macht auch vor Finnland nicht halt.

Doch bis dahin dauert es noch ein wenig. Saraja gelingt es, sein Buch noch im Jahr des Kriegsendes – 1940 –zu veröffentlichen.

Der Winterkrieg ist in seiner Bedeutung für das finnische Volk nicht zu unterschätzen. Nach einem blutigen Bürgerkrieg eint der gemeinsame Kampf gegen den sowjetischen Invasor das Land, das erst 21 Jahre zuvor seine Unabhängigkeit erstritten hatte. Finnische Kommunisten sehen, wie Stalin lieber ein Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland eingeht, anstatt es zu bekämpfen. Auch Deutschland und die Westmächte erfüllen die in sie gesetzten Hoffnungen nicht, als es an der Zeit ist, auf das Schlachtfeld hinauszuziehen. Den Finnen ist – so zumindest das kollektive Bewußtsein im »Geist des Winterkrieges« – niemand anders geblieben als die Finnen selbst, unabhängig von innenpolitischen Differenzen. Autoren wie Saraja begleiten diesen Prozeß propagandistisch und beschwören den Zusammenhalt unter den Finnen, der so dringend gebraucht wird, wenn man sich auch in Zukunft im internationalen Kampf der Mächte behaupten will. Dem schließen sich eine Reihe weiterer bedeutender Personen des öffentlichen Lebens an. Der Schriftsteller Olavi Paavolainen, den wir hier einmal verkürzt als eine Art Pierre Drieu la Rochelle der Finnen vorstellen möchten, feuert als Kriegsberichterstatter von der Front aus den Eifer der Kameraden an. Mika Waltari ist einer der wenigen Autoren, die es – nach dem Krieg und allem – zu internationalem Ansehen bringen sollen. 1940 erscheint seine pathetische Aufarbeitung des Winterkrieges in Form des später auch auf deutsch publizierten Romans Nein, wir werden niemals sterben.

Waffenbrüder ist ein Zeitdokument, welches das Schmieden der finnischen Nation in den Feuern des Krieges anschaulich begleitet. Der Autor Viljo Saraja stirbt 1970 in Helsinki. Doch er, der außerdem zahlreiche Gedichte und Märchen schrieb, ist in Finnland kaum noch präsent. Waffenbrüder – oder vielleicht besser: »Das erlöste Land« – aber lebt im Jungeuropa Verlag weiter. Mag sich auch heute kaum ein Finne an Viljo Saraja erinnern und kaum ein Deutscher wissen, welchen Weg Finnland bis hin zur Freiheit gehen mußte, so sind es doch die Finnen selbst, denen der ungerade Weg ihrer Geschichte und Nationwerdung die Identität mitprägt. Finnland ist nicht ohne Rußland und Deutschland zu denken, Finnland, das ist nicht vorstellbar ohne den »Weißen Tod« Simo Häyhä und all die Toten, die für diese Idee eines freien Landes ihre Leben gaben.

»Der Klang der Freiheit« mag heute nicht mehr jener deutscher Soldatenstiefel auf den Straßen sein, aber er ist mit Sicherheit in ganz Europa der gleiche. Er ist das Knallen der Gewehre vor Madrid, er ist das Rauschen des Meeres an den Klippen von Moher. Er ist das Donnern der Kanonen im Donbass und das Singen der Vögel in den Kirschbäumen der Pariser Straßen. Wenn der Winterkrieg ein Baustein in der Identität Finnlands ist, dann gehört der vergessene Konflikt auch untrennbar zu jedem Europäer. Das Herz Europas brennt dort, wo es auf die Waage gelegt wird.

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