Akzelerationismus und Coronavirus?

Akzelerationismus und das Coronavirus

Akzelerationismus als Konzept wird oft missverstanden. Befürworter radikaler Antworten auf die Systemfrage erhoffen sich von der weltweiten Coronavirus-Pandemie einen akzelerierenden Effekt auf das globalistische System des kapitalistischen Liberalismus – mit Aussicht auf dessen Zusammenbruch. Vergebens? Eine kurze Bestandsaufnahme.

Eines nach dem anderen: Seit seiner Formulierung als philosophisches Modell spätkapitalistischer Zukunftserwartungen durch die Angehörigen der »Cybernetic Culture Research Unit« an der britischen Warwick University Mitte der 1990er-Jahre und im Besonderen seit seiner Überführung in die politische Sphäre durch das 2010er-Werk The Persistence of the Negative: A Critique of Contemporary Continental Theory des marxistischen Kulturtheoretikers Benjamin Noys hat sich der ursprüngliche, eigentliche Akzelerationismus in eine ziemlich bemerkenswerte Vielzahl von Unterideologien und deren Unter-Unterkategorien ausdifferenziert. Diese Entwicklung unterstreicht die Tauglichkeit des Akzelerationismus als eine der verschwindend wenigen unverwässert radikalen Konzeptionen zur Demontage des liberal-kapitalistischen Rückgrates der westlichen Gesellschaften. Sie verdeutlicht allerdings auch die zersetzende Auswirkung der Politisierung abstrakten Denkens, indem sie den begrifflichen Überbau auseinanderreißt und zu einem unüberschaubaren Durcheinander identitätspolitischer Fragmente zerstampft – von feministischem Akzelerationismus (»Xenofeminismus«) bis hin zum unvermeidlichen »Gender Accelerationism and Lesbian Neoreaction«. Dies alles gibt es also.

(An dieser Stelle sei klargestellt, dass es hier um den quasi »authentischen« Akzelerationismus von Denkern wie Nick Land geht, nicht irgendwelche kryptoreligiösen Untergangsfantasien oder Verfassungsschutzstümpereien nach dem Muster der »Strategie der Spannung« NATO-finanzierter und -bewaffneter Stadtguerillas. Die »Palingenese« ist zwar eine nette Vorstellung, aber wenn der westliche Liberalismus irgendwann einmal zusammenbricht, dann wird er das aus wirtschaftlichen Gründen tun und nicht aufgrund von zielloser Gewalt. Das System ist darauf ausgelegt und entsprechend gehärtet, um solchen Angriffen zu widerstehen. Wenn ihr versucht, es umzustürzen, dann wird es euch töten. Ob nun mittelbar oder unmittelbar. Und sehr wahrscheinlich auch eine ganze Menge Leute, mit denen ihr zu tun habt. Findet euch damit ab. Konzentriert euch besser auf eure eigenen Familien und Gemeinschaften, um selbst eine gewisse Resilienz aufzubauen. Der Leviathan ist schon längst tot und zerlegt; wir sind alle deutlich zu spät dran, um noch am Gelage teilzunehmen.)

Vor diesem Hintergrund ist es am wichtigsten, zu verstehen, dass es beim authentischen Akzelerationismus nicht um den völligen Zusammenbruch der ohnehin moribunden liberalen Zivilisation und die anschließende Wiederkehr »der Tradition« geht. Ganz im Gegenteil: Das gesamte Konzept ist gegen Rückentwicklung, Reaktion und Zurückgebliebene(s) gerichtet. Es zielt vielmehr darauf ab, das die Moderne bestimmende liberal-kapitalistische Weltbild zu überwinden, indem seine ureigenen Widersprüche und Fliehkräfte verstärkt und beschleunigt werden, anstatt ihnen widerstehen oder sie einzuhegen zu wollen. Dieser Wirkmechanismus ist also als positive Feedbackschleife gedacht; sein geistiger Urheber, der britische Philosoph Nick Land, hat als Gleichnis auf den Kontrollmechanismus eines Druckwasserreaktors verwiesen, in dem Bor-Stäbe dazu dienen, die Kernspaltungsreaktion zu stabilisieren und, wenn notwendig, zu unterbrechen. Wenn man sich die liberalkapitalistische Moderne als das spaltbare Material vorstellt, dann strebt der Akzelerationismus danach, die Kontrollstäbe einen nach dem anderen herauszuziehen, bis die Kritikalität erreicht ist und etwas Unvorstellbares passiert.

Unvorstellbar deshalb, weil unsere westlichen Hirne seit der Frühen Neuzeit keine andere Weise kennen, die Realität zu verarbeiten. Nick Land verfolgt die Wurzel dieser modern-liberal-kapitalistischen Denkweise ganz bis hin zur Umstellung von römischer auf arabische Zahlschrift mit Einführung der Null zurück, die den Grundstein für die wirtschaftliche Mathematik legte. Ebenso wie, in der Folge, für die Entstehung feudaler und industrieller Geschäftsimperien und sogar des Nationalstaates. Demnach muss jede oppositionelle oder dissidente Position von vornherein fehlerhaft sein, da selbst noch so traditionalistische Antimodernisten wie René Guénon oder Julius Evola vom modern-liberal-kapitalistischen Gedankengift befallen bleiben. Ja, das ist alles ziemlich esoterisch. Nein, das ist nicht einfach nur irgendein durchgeknalltes Gebrabbel.

Es führt uns vielmehr zurück zur Ausgangsfrage, inwieweit die aktuelle Seuchenlage akzelerationistisches Potenzial hat. Die aufgekratzten Reaktionen von Dissidenten, die ein Stück weit hin zum Akzelerationismus tendieren und nun glauben, bereits das Grabgeläut des Liberalismus zu hören, bestätigen eigentlich nur die bereits angesprochenen Bedenken hinsichtlich einer Kritik der kapitalistisch-liberalen Moderne aus dieser selbst heraus. Man behalte den Vergleich mit der Kernspaltung vor Augen: Was wir gerade infolge des Coronavirus sehen, ist zuallererst einmal der Zusammenbruch kleinteiliger, unabhängiger Wirtschaftsstrukturen im weltweiten Maßstab. Es ist wirklich nicht schwer zu erkennen, dass es sich dabei gerade nicht um das Entfernen von Kontrollstäben aus einem Reaktor handelt. Ja, es hat bereits massive Entlassungen und Betriebsschließungen gegeben, und es werden noch unzählige weitere folgen. Ja, die Arbeitslosenzahlen sind in den meisten westlichen Ländern schon jetzt atemberaubend, vielerorts ist die Lage so schlimm wie seit 1945 nicht mehr. Natürlich ist das eine menschliche Katastrophe, aber es ist praktisch bedeutungslos für akzelerationistisches Denken, das gezielt den menschlichen Faktor zugunsten von Wirtschaft und Technologie über Bord wirft (eine Sichtweise, die in den 25 Jahren seit ihrer Entstehung nur aktueller geworden ist) und dafür von eher rührseligen Beobachtern prägnant als »antihumanistisch« bezeichnet worden ist.

Ja, die liberalen politischen Eliten des Westens haben sich als genau so inkompetent, schwerfällig und unflexibel erwiesen, wie es Dissidenten seit Äonen befürchtet haben und wie es beispielsweise Richard Spencer erst kürzlich unter Rückgriff auf Carl Schmitt beklagt hat. Was für eine Überraschung. Und dennoch: Den Überbau kümmert das nicht. Während du das hier liest, sind wir alle Zeugen, wie das westliche liberal-kapitalistische Paradigma (wie man heute so schön sagt: »Globohomo«) einfach den Gang wechselt. Sweatshops und Gefängnisbetriebe stellen jetzt Atemmasken und Schutzbrillen her, Automobilhersteller nutzen ihre riesigen industriellen 3-D-Drucker, um Einzelteile von Beatmungsgeräten zu erzeugen – und währenddessen wird der Aktienmarkt mit wortwörtlichen Billionen US-Dollar aus dem Steuersäckel künstlich am Leben erhalten. Wenn die Coronavirus-Pandemie die Wirtschaft überhaupt langfristig beeinflusst, so wird sie lediglich die bereits jetzt mächtigsten globalen Konzerne wie Amazon weiter stabilisieren. Wenn sich der Staub gelegt hat, werden diese Unternehmen zwar durchgeschüttelt worden sein, aber noch immer existieren, während eine Unzahl kleinerer Mitbewerber vernichtet wurde und Millionen arbeitsloser oder in Kurzarbeit beschäftigter Menschen dafür bereitstehen, sich in die spätkapitalistische Leibeigenschaft locken und pressen zu lassen. Die Regierungsapparate werden höhnisch frohlocken über ihren erneuerten Würgegriff um ihre jeweilige Bevölkerung »zu deren eigenem Wohl«, mit jeder Menge neuer digitaler Bewegungs- und Gesundheitsprofile, die der Auswertung harren, während sie sich noch mehr marktwirtschaftliche Verfahrensweisen zu eigen machen.

Und das war es dann auch schon. Kein Akzelerationismus. Keine landesweite Erhebung. Kein Ende der Welt, wie wir sie zu hassen gelernt haben. Bloß die Aussicht auf mehr und einheimische verelendete Massen. Bloß ein bisschen mehr Geld für die verschlagenen Gestalten und ein paar Großkonzerne, die sich zu Gigantenkonzernen mausern. Bloß die Aussicht auf eine sogar noch mächtigere Managerklasse, verfilzt mit Technokraten aus der Gesundheitsindustrie, denen man wegen ihrer Krisenbewältigungsfähigkeiten die politischen Zügel in die Hand gibt (wie es die zunehmend überflüssige geschwätzige Klasse bereits jetzt verlangt). Da die Menschen nicht mehr, wie zuvor, ohne Weiteres zusammenfinden können, werden wir vielleicht den Untergang des blindwütigen politischen Bewegungsfanatismus miterleben; damit wäre schon viel gewonnen. Aber damit hätte sich die politische Seite dieser Krise dann wahrscheinlich auch schon erschöpft. Nick Land könnte über diese Zukunftsaussichten eine trocken-bissige Horrorgeschichte schreiben – sofern er das nicht sowieso schon getan hat.

(Autor: Nils Wegner)

Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst im englischsprachigen RADIX Journal. Nils Wegner hat für die aktuelle Ausgabe der Sezession eine grundsätzliche Einführung in den Themenkomplex des »Akzelerationismus« verfasst, die wir zur vertiefenden Lektüre empfehlen.

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