Nachruf auf Daria Alexandrowna Dugina

Der Jungeuropa Verlag unterhält keine Beziehungen zu Alexander Geljewitsch Dugin. Ebenso wenig war uns seine Tochter Daria Alexandrowna Dugina bekannt. Diese zwei Sätze sind keine Distanzierung – sie sind eine notwendige Bestandsaufnahme, um den nachfolgenden Text einordnen zu können. Denn sein Autor, der russische Dichter Ilja Ryvkin, mit dem wir aktuell an einem Vorwort für ein Buch von Zakhar Prilepin arbeiten, sucht seit Tagen vergeblich ein deutsches Medium, das seinen Nachruf auf die junge Russin veröffentlicht. Doch es fehlt der Mut. Das Gedenken an eine verehrte Person darf keiner Zensur unterliegen. Daher, nachfolgend, Ilja Ryvkins Nachruf auf Daria Alexandrowna Dugina.

VITA EST MILITIA SUPER TERRAM war der Leitspruch in der Beschreibung ihres Telegram-Kanals – »Das Leben ist Krieg auf Erden«. Was gibt es da hinzuzufügen? Ich versuche in diesen düsteren Tagen, das Bild der jungen russischen Philosophin wiederzugeben, auch wenn es dem Betrachter so verzerrt und verbogen vorkommen mag, wie die Schönheit Diotimas sich einst im hässlichen Schädel des Sokrates spiegelte, als sie beim Kämmen auf seine Glatze wie in einen Spiegel blickte.

Die hiesigen Gazetten und Nachrichtenformate schäumen über vor Häme: »Putin-Hetzerin« nennt sie die Bild – andere tun sie ab als »Tochter eines rechtsextremen Vordenkers des Angriffskrieges«, als »Kind eines obskuren Einflüsterers«, eine Handlangerin von »Putins Rasputin«. Für Daria selbst hat sich fast niemand interessiert.

Sie war aber nicht nur eine Tochter. Sie war auch kein »Mädchen«, wie man überall schreibt. Daria Dugina war eine erwachsene junge Frau, eine studierte Politologin und Philosophin, fast 30 Jahre alt, vielfältig gebildet, souverän in ihrem Denken und Tun. Daria war humorvoll, wortgewandt, schlagfertig, charmant und von einer grazilen Schönheit. Eine ganz und gar russische junge Frau. Ein Mensch voller Hoffnungen und Ziele. Jetzt ist sie tot. Von einer Autobombe in die Luft gejagt, zerfetzt, nachts in der Dunkelheit, auf einer kalten Straße in einem Vorort von Moskau.

Daria Dugina teilte weitgehend die philosophischen Theorien und politischen Thesen ihres Vaters Alexander Dugin. Ihr Werk auf seine Nachfolge zu reduzieren ist falsch und ungerecht. Ihr ständiges Bemühen, das politische Schubladendenken zu beenden, scheinbare Kontroversen zwischen »rechts« und »links«, sozial und volkstreu, traditionsverbunden und zukunftsgerichtet in einer organischen Synthese zu überwinden, macht es mir einfach, ihr Werk eher der französischen Neuen Rechten, der Nouvelle Droite, zuzuordnen.

Mit der Nouvelle Droite kam sie während ihres Philosophiestudiums in Frankreich intensiv in Berührung. Daria sprach unter anderem fließend Französisch, sie hat manche ihrer akademischen Arbeiten in dieser Sprache verfasst. Die Grundintention ihrer Schriften über aktuelle politische Perspektiven der neuplatonischen Philosophie weist eine Verwandtschaft mit dem Erbe Maurras’ auf. Wie Maurras führte sie die Unterschiede zwischen den Menschen und ihren Lebensformen, die »das Schöne schön, den Staat stark und das Volk gesund machen«, auf die ewige Natur des Menschen und die dieser »eigenen ewigen Formen« zurück.

In Moskau vermisste sie Frankreich. Ihr fehlte das rege geistige Leben – dass es dort »eine so starke Schule für die Neuplatonismusforschung« gibt. Sie sagte auch, dass »das französische Denken dem russischen weit voraus« sei. Die aktuelle politische Lage in Frankreich war für Daria eine Herzenssache: »Die derzeitigen Regierenden in Frankreich leugnen leider selbst die Existenz einer eigenständigen französischen Kultur«, bemerkte sie, »Migranten, die 2014 oder danach dort ankamen, fanden einfach keine identitätsstiftende Gemeinschaft vor, in die sie sich – selbst beim besten Willen – integrieren konnten. Im Gegensatz dazu kennen und schätzen Migranten aus früheren Jahrzehnten die französische Kultur sehr wohl.«

»Was ist mit Deutschland?«, fragte der Interviewer damals. »Für Deutschland gilt seit dem Krieg ein Verbot auf alles Eigene. An die Stelle der deutschen Kultur ist die Schuldkultur getreten.«

Der Herrscher denkt in »Frontiers«, der Vasall denkt in »Grenzen« – und das ist ein Riesenunterschied. Grenzen in dem Sinne, wie sie auf einer physischen Karte in Geografielehrbüchern angegeben sind, verloren nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Bedeutung. Das gibt es nicht mehr. Heutzutage ist die Linie, die Einfluss- und Interessengebiete der Weltmächte umreißt, die Linie einer sogenannten »Frontier«. Es ist wichtig, diesen Begriff zu verstehen: Man kann eine »Frontier« nicht immer physisch ziehen, oft verläuft sie metaphysisch. Eine »Frontier« bewegt sich im Gegensatz zu einer Grenze vorwärts. Das größte supranationale Machtgebilde, das die russischen Interessen bedroht, ist die NATO. Die NATO-»Frontier« kann mit einer gepunkteten Linie statisch markiert werden – aber sie bewegt sich dennoch vorwärts. Eine »Frontier« ist eine sich bewegende Linie, die voranschreitet. Eine Linie, die sich bewegt, um zu erobern. In der aktuellen geopolitischen Situation ist das, womit wir es im Donbass und in der Ukraine zu tun haben, das Ergebnis des Voranschreitens dieser NATO-»Frontier« auf ein Gebiet, in dem der Westen historisch und geopolitisch gesehen nichts verloren hat.

Eine fortschreitende NATO-Osterweiterung würde eine Ausbreitung des Einflusses einer bestimmten Macht bedeuten, ihre vollständige Kontrolle über wirtschaftliche und militärische Aktivitäten in Eurasien und schließlich den vollständigen Sieg des Liberalismus und Kapitalismus weltweit. Wollen wir das?

Die wichtige Gegenfrage lautet: Gibt es auch so etwas wie eine russische »Frontier«? Wenn ja, wie sollen wir die russische »Frontier« definieren? Wo enden die Interessen Russlands, und wie weit soll die »russische Idee« voranschreiten?

Russland soll keine nicht russischen Gebiete erobern, da dies eine völlig andere Kultur bedeutet, eine andere Art von Menschsein, eine Zivilisation, die uns zwar ähnlich, doch grundlegend anders ist. Unsere Zusammenarbeit mit den Europäern muss zukünftig anders gestaltet werden. Eine Erweiterung der russischen »Frontier« muss die Eigenständigkeit europäischer Völker fordern, anhand von Prinzipien, die sowohl für die russischen als auch für die europäischen Zivilisationen im gleichen Maße gelten. Kulturelle Unabhängigkeit, wirtschaftliche Sicherheit, politische Unversehrtheit und gegenseitige Achtung sind diese Prinzipien.

Am 24. Februar 2022 schrieb sie in ihrem Blog:

Letzte Nacht ging ich eine leere Moskauer Straße entlang, und in der Ferne kräuselte sich an einem Haus die russische Flagge. Ein leises Rauschen … Die Russen kommen. Die weibliche Intuition ist mächtig … Aus irgendeinem Grund bin ich auf diese Ruhe und die Flagge aufmerksam geworden. In meinem Kopf formte sich der Slogan: »Es werde das Reich!« Ich bin aufgewacht, und das Reich ist wahr geworden.

Daria, wie auch die meisten Russen, akzeptierte und unterstützte die vom Präsidenten erklärte »Sonderoperation«:

Das ist kein Krieg gegen die Ukraine, das ist ein Krieg gegen den kollektiven Westen. Was das Regiment »Asow« vertritt, ist nicht die wahre ukrainische Identität, es ist ein böswilliges Konstrukt, eine Volksschändung.
– Was ist dann die wahre ukrainische Identität?
Freunde der Russen zu sein!

Ich glaube, man muss bereit sein, für eigene Ideen zu sterben, sich allen Herausforderungen zu stellen. Die Geschichte ereignet sich jetzt. Das aktuelle Geschehen ist, was Martin Heidegger als »Ereignis« bezeichnete: Das Sein wird wahr, und sein Sinn offenbart sich. Die Aufgabe eines jeden von uns ist, die Geschehnisse nicht nur aus einer geopolitischen Sicht zu betrachten, sondern den Moment eines möglichen Erwachens wahrzunehmen. Tiktok, Instagram, McDonald’s wurden uns weggenommen. Tatsächlich sind wir unumkehrbar dazu gedrängt, uns selbst zu konfrontieren, zu erkennen, wer wir sind. Was ist die Alternative zu all dem? Was sind unsere Bücher, unsere Dichter, unsere Klassiker, was ist unser Land?

Wir verweilten in einer Konsumglückseligkeit, in dieser globalistischen Ausschweifung. Unser Sein war billig, da wir jeden schwierigen Augenblick, unsere Melancholie, unsere Verlorenheit mittels einer kontinuierlichen Clipfolge ausblenden konnten. Jetzt begegnen wir uns selbst, unserer eigenen Identität. Und wir schauen in den Spiegel und denken: Wer sind wir? Wie lautet die Antwort?

Die Antwort darauf von Daria selbst lautete wie folgt:

Ich bin eine russische Christin, und ich bin weiß. Ich bin das russische Volk.

»Je suis le peuple russe«, fügte sie auf Französisch hinzu. »Ich will alle Russen lieben und loben.«

Mitte Juli 2022 besuchte Daria die Stadt Mariupol. Tief bewegt von den Ruinen des Azovstal-Werkes vernahm sie in diesem Akt der Vernichtung und absoluten Morbidität »die schönste atonale Musik der Welt« – denn sie schrieb:

Das Auffälligste war die Azovstal-Sinfonie. Massive Metallstücke wiegen sich im Wind, etwas fällt herunter. Ein riesiges Tier, ein Atlas, der seine Schultern nicht mehr strafft, ein Atlas, der die Welt abwirft. Atlas wirft endlich seine Last ab …

Dort, in den tiefen Labyrinthen von Mariupol, träumte sie von einem Symposium mit Philosophen aus aller Welt – von einem Reigen streitender Geister in den zerstörten Werkstätten zum Klang elektronischer Musik. Sie komponierte auch selbst. Suggestiv und dunkel ist ihre Musik, so wie der Tanz eines achtzackigen Chaossternes am abgründigen eurasischen Himmel.

Ich glaube, jeder Mensch, der etwas fühlt, ob innere Schwere oder Freude, sollte es in Musik, Poesie oder philosophische Texte umwandeln. Dazu muss er ein totalitäres Diktat über sich selbst ausüben können. Dann verwandelt er sich in ein radikales Subjekt und erschafft Welten.

Ich lehne den Krieg nicht ab und werde ihn führen. Ein Krieg für das russische Volk, für die europäische Zivilisation, für das eurasische Reich. Ich werde bis zum Ende gehen. Ich wünsche uns allen viel Erfolg. Ich wünsche euch Krieg, Liebe und eine innere Revolution, eine innere totalitäre Diktatur, eine rücksichtslose Haltung gegenüber euch selbst, gegenüber eurer eigenen schwachen, egoistischen Seite. Richtet eure Schwäche hin, lebt eure Stärke!

Ich glaube nicht, dass ukrainische Terroristen von selbst dazu kamen, Daria Dugina an die Spitze ihrer Mordliste zu setzen. Gewalt des Denkens zu begreifen, das billige ich diesem einfältigen Pack nicht zu. Mit ihrem Namen begann die Liste der Russen, gegen die Großbritannien Sanktionen verhängte. Eine Liste, auf der die Namen übrigens nicht alphabetisch geordnet waren, wurde von ihr angeführt. Ich fragte mich lange, warum. Dann wurde ihr Auto in die Luft gesprengt.

»Du bist eine Walküre geworden«, war das Erste, was ich mir notierte, als die Nachricht von dem Terroranschlag kam. Nicht die Walküre aus Richard Wagners Opern – Gefallner Helden hehre Schar umfängt dich hold mit hoch-heiligem Gruß. Ich stelle mir eine Walküre unseres russischen Wagners vor: eine fliegende Kampfeinheit zur Feuerunterstützung, ein Mehrzweckvogel, der nicht so sehr zu Lande, zu Wasser oder in der Luft Ziele erledigt, sondern in höheren Dimensionen des Äthers die ewigen Feinde trifft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.