Ukraine-Tagebuch (IV) – Papierkrieg in Lemberg

28.02.2022, Lemberg

Das Leben in Lemberg, und auch das allgemeine Treiben auf der Fahrt dorthin, macht einen fast schon friedensmäßigen Eindruck. Männer bringen ihre Fahrzeuge zur Autowäsche (von denen es mehr als Tankstellen zu geben scheint), Jugendliche spielen Fußball und Babuschkas sitzen zum Kaffeekränzchen zusammen. Auch in Lemberg selbst ist vom Krieg – abseits der Checkpoints, bewaffneten Wachen und den Sandsäcken rund um verschiedene Gebäude – nicht viel zu bemerken. Die Luftalarme werden von einem Großteil der Bürger ignoriert und als gute Ausländer eignen wir uns natürlich direkt die örtlichen Gepflogenheiten an. Unsere erste Station ist ein Zentrum des parlamentarischen Arms der Asow-Bewegung, zu der auch Svat gehörte. 

Aufrufe zu vergangenen Demonstrationen hängen im Eingangsbereich unserer Unterkunft.

Auf dem Weg nehmen wir die ersten Eindrücke wahr, vom weitgehend normalen Leben, aber auch von frisch geklebten nationalistischen Plakaten. Beim Festhalten der Impressionen begegnet uns jedoch nahezu auf Schritt und Tritt die allgemeine Hysterie rund um Saboteure und Spione. Schon das Herumlaufen mit einer Kamera wirkt für viele verdächtig und sobald wir Fotos machen, dauert es nur Sekunden, bis uns Zivilisten ansprechen. Glücklicherweise können wir jedes Mal glaubhaft versichern, Journalisten zu sein, wobei auch Svat behilflich ist. Dennoch scheint eine allgemeine Paranoia rund um das Thema Saboteure und Spione zu herrschen. 

Frisch geklebte nationalistische Plakate.
Schon ein Bild der Oper reicht, um von Zivilisten sofort angesprochen zu werden. 

Wie viel davon berechtigt ist, können wir nicht abschätzen, aber selbst Svat ermahnt uns, nachts unsere Wohnung wegen der möglichen Saboteure abzuschließen. Weder wir noch einer der zahlreichen uns behelligenden Zivilisten weiß dabei wirklich, was erlaubt und was verboten ist. Selbst im nationalistischen Zentrum kann man keine stichhaltigen Informationen erfahren. Nach einem Anruf des örtlichen Leiters bei der Verwaltung heißt es, man bräuchte eine offizielle Akkreditierung und das Fotografieren sei generell verboten. Nun gut, also vorerst keine Fotos.

Im Zentrum selbst sind hauptsächlich Jugendliche anzutreffen, die verschiedene Aufgaben im humanitären Bereich wahrnehmen. Die Schulen sind bereits seit ein paar Tagen geschlossen und hier können sich die verhinderten Schüler wenigstens nützlich machen. Der Anteil der Frauen bzw. Mädchen ist dabei auffallend hoch, was laut Svat aber allgemein der Fall sei. Äußerlich unterscheidet sie nichts von deutschen Jugendlichen und der bei der Jugend verbreitete Griff zum Smartphone ist, wenn es nichts zu helfen gibt, auch hier allgegenwärtig. Dennoch, sie machen sich nützlich und helfen, wo sie können. Nur an die unzähligen leeren Flaschen und verdächtig vielen Benzinkanister lässt man sie nicht ran, die Zubereitung von Cocktails überlässt man hier (noch?) den Erwachsenen. 

Keine Altglassammlung im herkömmlichen Sinn. Was wie eine Müllhalde aussieht, könnte schon bald der Verteidigung dienen.

Trotzdem kommen wir, dank Svats allgegenwärtiger Übersetzertätigkeit, auch mit der Jugend Lembergs ins Gespräch, wobei ihr Interesse vor allem unseren auffälligen Narben im Gesicht gilt. Auf Svats Erklärungen und vor allem auf die von uns gezeigten Bilder unserer letzten Mensuren hin starren uns schließlich weit geöffnete Augen an und die noch Halbstarken kamen aus den Fragen gar nicht mehr heraus. Tja, wieder ein Stück der in Lemberg noch reichlich sichtbaren deutschen Kultur vermittelt.

Nachdem die Neugier der Jugend befriedigt ist, unterhalten wir uns noch mit dem örtlichen Leiter einige Zeit über die aktuelle Lage und ob es bereits Informationen von den zwei Tagen zuvor nach Kiew aufgebrochenen Lemberger Freiwilligen gibt.

Nach den letzten Sätzen machen wir uns daran, nun endlich den behördlichen Teil zu klären. Was folgt, ist aber kein einfacher Behördengang, sondern eine Odyssee durch Lemberg: Die eine Behörde schickt uns zur nächsten, diese ist wiederum nicht anzutreffen, eine andere verweist auf eine Rufnummer und das von uns zwischenzeitlich aufgesuchte Honorarkonsulat ist auch nicht mehr an seiner Stelle. Aber wir sind nicht die einzigen, die im Morast des Amtsschimmels stecken geblieben sind. Freiwillige werden von einer Ecke zu anderen geschickt, nur um von dort wieder an ihre Ausgangsstelle zurückgeordert zu werden. Schlangen von auskunftssuchenden Ukrainern und schreienden Sicherheitsbeamten beweisen, dass es wohl allgemein ein großes Verwaltungschaos gibt.

Auch Svat wartet noch immer auf seine Dokumente für die Zulassung zum Heimatschutz (das sind unter anderem diejenigen, die bei den Straßensperren helfen). Nun gut, es heißt also, die angegebene Rufnummer zu kontaktieren. Dort kann man uns zwar nur an das Medienzentrum verweisen, dafür erleben wir eine Überraschung: »Sind Sie derjenige mit den beiden deutschen Journalisten?« übersetzt uns Svat lachend die Frage der Pressestelle des Verteidigungsministeriums. Unfreiwillig muss ich an den »Fluch der Karibik« denken: Wir sind vielleicht die am schlechtesten akkreditierten Journalisten, von denen ihr je gehört habt, aber ihr habt von uns gehört!

Erst gegen Abend können wir schließlich das zwischenzeitlich eingerichtete Lemberger Medienzentrum finden, in dem tatsächlich kompetente, junge Mitarbeiterinnen mit guten Englischkenntnissen unserem Irrweg durch das Behördenlabyrinth ein Ende bereiten. Die Akkreditierungs-Anträge sind schnell ausgefüllt und hier hat man auch eine Übersicht der geltenden Gesetzeslage (die sich von allen Versionen unterscheidet, die uns verschiedene Personen mitteilten). Allzu viele Hoffnungen macht man uns jedoch nicht: Vor uns würden 300 andere Anträge in der Warteschlange stehen. Angesichts der heutigen Erlebnisse mit der Verwaltung scheint ihre Skepsis berechtigt …

Beim weiteren Gang durch Lemberg sprechen wir mit verschiedenen anderen, nach und nach eintrudelnden Journalisten, vor allem über Fragen der Akkreditierung und deren Erfahrungen mit der allgemeinen Hysterie vor Fotos. Selbst ukrainische Fernsehsender sind davon betroffen und müssen sich rechtfertigen. Also liegt es zumindest nicht an uns, wobei unsere von den üblichen Journalisten abweichende Mischung aus Casual-Look und Räuberzivil vielleicht auch nicht gänzlich förderlich erscheint. Sei’s drum, einfach weiter fotografieren.

Fernsehteam unbekannter Herkunft vor dem Hauptbahnhof.

Was auffält: Einige Geschäfte haben geschlossen, aber es gibt weiterhin genug offene Cafés und die verschiedensten Einkaufsmöglichkeiten. Junge Menschen fertigen Selfies vor Sehenswürdigkeiten an, ältere gehen mit ihrem Hund spazieren und selbst an die Sandsäcke vor den Polizeistationen hat man sich sehr schnell gewöhnt, ganz so, als sei es schon immer so gewesen. Apropos Polizeistation: Svat erzählt, wie sie im Rahmen der Maidanproteste gestürmt und mit Molotow-Cocktails angezündet wurden. Sollte der Krieg bis nach Lemberg kommen, würden die mittlerweile von manchem auch »Bandera-Smoothie« genannten Wurfgeschosse wohl eher raus- als reinfliegen. So ändern sich die Zeiten …

Unser Weg führt uns schließlich zum Hauptbahnhof, wo zahlreiche Flüchtlinge ankommen sollen. Hier ist die Kriegssituation tatsächlich nicht zu übersehen: Zahlreiche Zelte von Hilfsorganisationen, überfüllte Wartesäle, herumeilende Helfer und alle Begleiterscheinungen solcher humanitären Situationen prägen das Bild. Doch obwohl die Räume dicht gefüllt sind, bleiben die Menschen erstaunlich ruhig. Alles läuft zivilisiert ab, keiner drängelt sich vor oder schreit herum. Die einzig sichtbaren jungen Männer abseits von Helfern und Polizisten sind erkennbar keine Ukrainer und ich habe in meinen vielen Aufenthalten in der Ukraine zusammengenommen noch nie so viele Afrikaner, Araber und Zigeuner gesehen wie hier in wenigen Minuten. Wenn überhaupt einmal jemand hier negativ auffällt, dann ist es stets jemand aus dieser Gruppe.

Eine der Bahnhofsvorhallen.
»Frauen und Kinder zuerst« sehen gewisse Personenkreise anscheinend anders. Die zehn ersten Reihen in der Schlange bestehen sämtlich aus nichteuropäischen Männern.

Als gute investigative Journalisten machen wir uns daran, hier Gespräche zu führen, wobei uns nur eine Gruppe von fünf Nigerianern (oder zumindest behaupten sie, welche zu sein) bereitwillig Auskunft gibt. Sie alle seien Studenten aus Kiew und nun auf dem Weg nach Ungarn. Sie schieben aber schnell nach, sobald es die Lage zulasse, wieder nach Kiew zurückkehren zu wollen. Dass sie alle zufällig ihre Pässe verloren haben (was keiner der von uns befragten ukrainischen Flüchtlinge hat) und sich über die »rassistischen« Grenzer beschweren, passt dabei nicht ganz in dieses Bild. Warum sie nach Ungarn fliehen wollen, statt ins viel nähere Polen oder einfach in dem sicheren und hunderte Kilometer vom Krieg entfernten Lemberg zu bleiben, können sie uns – überraschenderweise – nicht sagen. 

Der Autor im Interview: Sie haben alle ihre Pässe verloren. 

Andere angesprochene Afrikaner scheinen den Braten wahlweise zu riechen oder uns einfach so zu misstrauen; sie beantworten unsere Fragen nicht. Die Ukrainer sind dafür umso auskunftsfreudiger. Viele sind erschöpft, aber sie alle bleiben gefasst. Wen wir auch fragen: Man nimmt sich Zeit für Antworten. Ein Ergebnis: Nicht alle Wartenden sind Flüchtlinge. Einige bringen nur ihre Kinder oder Enkelkinder zu Verwandten ins sichere Ausland oder sind auf der Rückreise von dort. Und sie kehren nicht nur nach Lemberg zurück, sondern auch in die Zentral- und Ostukraine. Selbst alte Frauen geben sich kämpferisch und bekennen, gegen die Invasion kämpfen und ihre Heimat verteidigen zu wollen. Eindrücke, die ganz von dem abweichen, was eine dubiose »Sophia Maier« zu dem Zeitpunkt auf Twitter absetzt, als wir gerade im Lemberger Bahnhof sind: »Bahnhof in #Lwiw (der ukrainische Name für Lemberg, Anm. d. Verf.) jetzt. Totales Chaos. Tausende stehen hier stundenlang eng gedrängt. Kinder schreien. Alle wollen nur so schnell wie möglich das Land verlassen. Die Polizei versucht die Menschen zu selektieren, nur Frauen und Kinder dürfen in die wenigen Züge. Unfassbare Szenen.«

Mit anderen Augen …

Das Einzige, was daran annähernd der Wahrheit entspricht, ist, dass tatsächlich Polizisten Frauen mit Kindern an einer Warteschlange von hauptsächlich nicht-weißen Männern vorbei und in den Zug bringen. Was daran »unfassbar« sein soll, liegt aber wohl im Auge des Betrachters. 

Die Dämmerung bricht mittlerweile herein. Letzte Fotos von der Stadt und einigen ihrer Sehenswürdigkeiten, wie dem großen Denkmal für den Nationalistenführer Stepan Bandera, dann ist es bereits langsam Zeit für die Ausgangssperre.

Mit Natiokratie vor dem Stepan Bandera Denkmal. Schließlich braucht man für jede Reise eine gute Lektüre und wer weiß, ob sich das Dabeihaben nicht einmal bei einer Kontrolle positiv auswirkt.

In unserer Wohnung kochen wir uns ein paar der aus Deutschland mitgebrachten Nudeln samt fertigem Pesto – nicht gerade ein kulinarischer Höhepunkt, aber im Gegensatz zu dem durchaus freundlichen Team des dänischen Fernsehens im nicht weit entfernten Astoria-Hotel wollen wir sparsam mit den uns zugesagten Spesen umgehen. Neben dem Essen, wie den ganzen Tag schon, Reflektionen: Wie passt das zusammen, ein Leben hier wie fast zu Friedenszeiten, mit geöffneten Cafés und gelassenen Menschen und die nur wenige hundert Kilometer entfernten Kämpfe? Aufrufe zur totalen Mobilisierung und bürokratischer Wahnsinn, der selbst vor Armeefreiwilligen nicht halt macht? Verwaltungschaos und scheinbar gut funktionierende Strukturen zur Aufnahme der Flüchtenden? Fragen, auf die einmal später Antworten zu geben sein werden. Begleitet von den Sirenen des Luftalarms stelle ich noch die heutigen Texte zu Ende, dann endet dieser Tag.

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